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WAZ: Armutsbericht - Das Blendwerk von der Gleichheit - Leitartikel von Thomas Wels

Essen (ots)

Da ist sie wieder, die Arm-Reich-Debatte im
Schwarz-Weiß-Format: Wie 2001 und 2005, als die Regierung einen 
Armuts- und Reichtumsbericht vorgelegt hat, ist das Erschrecken über 
die Statistik groß: Arme werden ärmer, Reiche werden reicher. Diesmal
aber ist der Schrecken besonders groß.
Offenbar empfinden die Bürger Ungleichheit zunehmend als 
ungerecht, und das hat mehrere Gründe: weil Top-Manager aus 
Steuerparadiesen eine Nase drehen, weil Führungskräfte die Bank 
verspielen und dennoch Millionäre sind, weil Konzerne von heute auf 
morgen verschwinden, wenn Löhne anderswo günstiger sind, weil - 
kurzum - ein großer Teil der Leute im Lande D den Eindruck hat, vom 
Staat, von Energie- und Ölgesellschaften und neuerdings allgemein von
den Reichen über den Löffel barbiert zu werden. Die Ehrlichen haben 
das Gefühl, die Dummen zu sein. Und das ist für jedes Gemeinwesen ein
äußerst problematischer Befund. Die vermeintliche Elite macht es 
Populisten leicht, Gleichheit als erstrebenswertes Ziel erscheinen zu
lassen, ganz so, als wäre die sozialistische Staatswirtschaft nicht 
gescheitert.
Der Armutsbericht ist Wasser auf deren Mühlen. Armut in einer der
reichsten Volkswirtschaften der Welt - das ist doch ein Skandal. Ist 
es, selbst wenn man von relativer Armut zu sprechen hat, Deutschland 
ist nicht Afrika. Armut allein mit Hilfe des Rechenschiebers am 
mittleren Einkommen zu messen, aber ist nicht besonders intelligent. 
Dieser Wert ist genau der Betrag, bei dem 50 Prozent der Bürger mehr 
und 50 Prozent der Bürger weniger Geld zur Verfügung hatten. Wer 
weniger als 60 Prozent davon hat - 871 Euro netto für Alleinstehende 
- gilt als arm. Diese Rechnung ist grundsätzlich verzerrend, denn 
Einkommenssteigerungen der unteren Hälfte schieben den Mittelwert 
nach oben, womit rechnerisch mehr Leute als arm gelten; 
Einkommenseinbußen von Reichen drücken den Mittelwert, womit die 
Armut abnimmt.
Eine Handlungsanleitung aus dem Bericht herauszulesen, ist 
schwierig, zumal die Zahlen aus 2005 stammen, mithin Hunderttausende 
neue Stellen und die jüngsten Lohnerhöhungen nicht berücksichtigt 
sind. Ob es Armen, hier vornehmlich alleinerziehenden Frauen mit 
ihren Kindern, nützt, wenn "Reiche" ins Visier geraten, ist zu 
bezweifeln. Die reichsten zehn Prozent (ab 120 000 Euro 
Jahreseinkommen) steuern 55 Prozent zum Einkommensteueraufkommen bei,
die ärmere Hälfte der Bevölkerung 5,1 Prozent. Eine Umverteilung - 
auch dank der Ungleichheit. Die Armutsdebatte hat eine differenzierte
Argumentation verdient.

Pressekontakt:

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Zentralredaktion
Telefon: 0201 / 804-2727
zentralredaktion@waz.de

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