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WAZ: Koch und die Ausländer - Kluge Politik ist etwas anderes - Leitartikel von Angela Gareis

    Essen (ots) - Roland Kochs Analyse kennzeichnet eine bestechende Schlichtheit. "Wir haben zu viele junge kriminelle Ausländer." Das stimmt. Doch wer sich von populistischen Wahlparolen nicht verführen lassen will, der ergänzt Kochs kleinen Teil einer Wahrheit. Wir haben zu viele junge kriminelle Deutsche. Wir haben zu viele ausländische und deutsche Eltern in einer Parallelwelt, deren Kinder archaisch anmutenden Wertvorstellungen, geistiger Armut und Perspektivlosigkeit ausgeliefert sind. Wir haben zu viele Verantwortliche in Politik und Wirtschaft, die das kaum interessiert, weil sie in ihrer privilegierten Welt sehr schön zurechtkommen.

      Die Parallelwelt am Rand der Gesellschaft lädt selten zum
Hinschauen ein, eigentlich nur, wenn sie Entsetzen erregende
Schlagzeilen produziert. Wenn - vorwiegend deutsche - Eltern ihre
Kinder zu Tode quälen, ersticken oder verhungern lassen, breiten sich
Fassungslosigkeit und tiefes Mitleid mit den Opfern aus. Wenn -
zunehmend ausländische - Jugendliche kriminell werden, dann mischt
sich leicht Wut in die Gefühle.

      Als die gewaltbereiten - vorwiegend ausländischen - Schüler der
Berliner Rütli-Schule bundesweit Aufsehen erregten, schwankte die
öffentliche Beurteilung der Jugendlichen zwischen Opfern und Tätern.
Im Gespräch verwandelten sich die jungen Gangster, die sich mit dem
Stolz der Straße selbst so nannten, in ängstliche Kinder, die vor
allem eine Sicherheit kannten: Sie würden nie dazugehören, nie dem
engen Leben entfliehen, das großteils die Eltern ihnen als Erbe
aufzwingen.

      Den Rütli-Schülern wurde Hilfe angeboten. Sehr viele Schüler in
Deutschland aber peinigen einander und ihre Lehrer unterhalb der
öffentlichen Wahrnehmungsschwelle. Sie ziehen ebenso wenig
Aufmerksamkeit auf sich wie die Kinder, die ihre brutalen oder
gefährlich gleichgültigen Eltern überleben. Die Schicksale vieler
Opfer von Verwahrlosung werden oft erst aufgerollt, wenn sie als
Täter vor Gericht stehen. Um Roland Kochs bescheidenen Teil der
Wahrheit weiter zu ergänzen: Wir haben in Deutschland immer weniger
Kinder und zugleich immer mehr Kinder, die in allen
Erscheinungsformen der Armut aufwachsen; deutsche und ausländische
Kinder, die allesamt nicht kriminell zur Welt gekommen sind. Kluge
Politik kämpft nicht mit härteren Strafen gegen die Folgen von
Bildungsmangel und Hoffnungslosigkeit, um Wähler zu gewinnen, sondern
setzt mit Hilfe bei den Ursachen an, um die Gesellschaft insgesamt zu
schützen.

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