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BERLINER MORGENPOST: Die neue Macht der öffentlichen Meinung - Leitartikel

Berlin (ots) - Gut möglich, dass Karl-Theodor zu Guttenberg in der Nacht von Montag auf Dienstag im Internet unterwegs war. Auf der Seite www.offenerbrief.posterous.com konnte er live verfolgen, wie sich weiterer Widerstand zusammenbraute: Im Sekundentakt trugen sich Studenten, Doktoranden und Professoren aller Fachrichtungen in eine Liste ein. Sie alle unterzeichneten virtuell ein recht sachliches Schreiben an die Bundeskanzlerin: Die deutschen Wissenschaftler äußerten ihre Sorge um den Bildungsstandort Deutschland. Bis zum Zeitpunkt des Rücktritts waren 60.000 Unterschriften zusammengekommen, tags drauf wäre wohl die Marke von 100.000 gefallen. Für den CSU-Politiker war abzusehen, dass er gegen den anschwellenden Sturm aus dem Internet kaum eine Chance gehabt hätte. Noch vor zehn Jahren hätte sich die Plagiatsaffäre nach wenigen Tagen als eine Spezialistendebatte versendet. Doch heute organisieren sich in kürzester Zeit elektronische Erregungsgemeinschaften. Zu Guttenberg ist der erste deutsche Spitzenpolitiker, der sich mit einer neuen demokratischen Öffentlichkeit auseinanderzusetzen hatte, die mit den bekannten Instrumenten nicht mehr zu steuern ist. Während der "Spiegel" diese Woche noch nachzuweisen sucht, dass "Bild" die Meinungsmacht im Land dirigiert, ist die Realität schon weiter. Ein Pingpong zwischen klassischen und digitalen Medien erzeugte seit 14 Tagen Stimmungen und Fakten, die den schröderschen Dreiklang "Bild-BamS-Glotze" wie mediale Steinzeit erscheinen lassen. Es war die "Süddeutsche", die die ersten Plagiatsstellen veröffentlichte. Wenig später fand sich im Internet eine Arbeitsgemeinschaft von mehreren Hundert Freiwilligen zusammen, die die Dissertation Wort für Wort durchkämmte, Menschen, die sich nicht kannten, nicht bezahlt wurden, aber gemeinsam ein Ziel hatten: Klarheit schaffen. Schwarmintelligenz und Hetzjagd liegen bei diesen Zufallskooperationen dicht beieinander. Zeitungen und Fernsehen nahmen die immer neuen Fundstellen auf, deren Beweiskraft sich weder politische Freunde noch Bayreuther Juristen verschließen konnten. Dass der Rücktritt die machtbewusste Kanzlerin auf der Cebit überraschte, spricht für das Tempo und die kaum zu kontrollierende Dynamik dieser neuen Prozesse. Auch Angela Merkel hatte die Wucht der Causa offenkundig unterschätzt, gefangen zwischen Loyalitätspflicht zu ihrem populärsten Minister und der Plausibilität der Vorwürfe. Viel wurde in den vergangenen Tagen lamentiert über den Niedergang der politischen Kultur - zu Unrecht. Ein Rücktritt, vor allem dieser, spricht im Gegenteil für das Funktionieren demokratischer Mechanismen. Weder Medienmacht noch Beharrungswillen helfen, anders als etwa in Berlusconi-Italien, gegen öffentliche Beweise, die sich nicht wegbagatellisieren lassen. Zur politischen Kultur gehört allerdings auch, dass das Recht auf eine zweite Chance gewährleistet bleibt. Zu Guttenberg hat zwar gefehlt, aber kein Kapitalverbrechen begangen. Der Freiherr hätte sein Comeback leichter organisieren können, wäre er nach dem Vorbild der Bischöfin Käßmann früher abgetreten. Wenn zu Guttenberg tatsächlich über die Qualitäten verfügt, die ihm nachgesagt werden, dann wird er diesen Umweg durchstehen und gestählt zurückkehren.

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