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BERLINER MORGENPOST: Das ägyptische Volk steht vor seinem größten Sieg - Leitartikel

Berlin (ots) - Das Volk scheint jetzt auch in Ägypten über die zu siegen, die ihnen Menschenrechte und Teilhabe am Wohlstand verwehrt haben. Wie einst in der DDR und jüngst in Tunesien haben die Menschen am Nil in den vergangenen beiden Wochen zunehmend ihre Angst vor dem ziemlich allmächtigen Staats-, Partei- und Sicherheitsapparaten des seit 30 Jahren regierenden Präsidenten Husni Mubarak verloren und sind öffentlich für Demokratie eingetreten. Der Ruf nach Freiheit wurde trotz Gefahr für Leib und Leben der Demonstranten immer lauter, letztlich unüberhörbar. Erst waren es Tausende, dann Hunderttausende, heute - nach dem Freitagsgebet - sollen es mehr als eine Million Ägypter werden, die auf den Kairoer Tahrir Platz strömen und diesen zu einem wahren Platz der Freiheit machen. Am Ende war der Druck auf Mubarak zu groß. Als Alternative blieb ihm nur noch die Wahl zwischen einem Blutbad am eigenen Volk oder seiner Abdankung. Bei aller Kritik, das eigene Volk am Gängelband geführt zu haben, bleibt ihm gegenüber im Fall des Rücktritts zumindest ein Rest von Respekt, sich dem friedlichen Wandel nicht länger zu widersetzen. Druck auf Mubarak haben nicht allein die Demonstranten ausgeübt. Auch das Militär, von Amerika als nahöstlicher Stabilitätsanker ausgebildet, ausgerüstet und finanziert, hat dem Präsidenten Grenzen aufgezeigt, als es sich nicht als dessen willfährige Handlanger missbrauchen ließ. Im Gegenteil: Die Generalität fuhr Panzer zum Schutz der Demonstranten auf. Sie wurde so Teil der Wende zum Hoffnungsvollen und zum vorerst entscheidenden Stabilitätsfaktor im Lande. Die Militärführung dürfte Mubarak spätestens gestern angesichts der für heute zu erwartenden neuen Massenproteste, die längst zum Volksaufstand geworden sind, klar gemacht haben, dass er nicht mehr zu retten sei. Dass am Ende auch die eigene Regierungspartei Mubarak zum Rücktritt drängte, dürfte dagegen eher dem Opportunismus geschuldet sein. Nämlich der Hoffnung, in einem demnächst hoffentlich demokratischen politischen System überleben zu können. Und bei aller nach außen gedrungenen Zaghaftigkeit sollte nicht der interne Druck westlicher Regierungschefs unterschätzt werden, der Mubarak klar gemacht hat, wie isoliert er auch international geworden ist. Freie Wahlen und damit der Aufbau einer Demokratie sind die großen Ziele für die kommenden Wochen und Monate. Das wird nicht leicht in einem Land, das Demokratie bislang nicht gekannt hat. Die künftige Übergangsregierung muss als ehrlicher Makler demokratische Strukturen vorbereiten, Parteien müssen gegründet, die Menschen auch auf dem Lande an ihre neuen Freiheiten herangeführt werden, und schließlich sind faire Wahlen zu organisieren. Ob das alles binnen 60 Tagen, wie es die Verfassung vorgibt, zu schaffen ist, muss bezweifelt werden. Gründlichkeit vor Schnelligkeit - dieses Prinzip muss auch in diesen Tagen ägyptischen Glücks gelten. Denn dauerhaft gesichert ist die Freiheit, die auf dem Tahrir Platz errungen wurde, noch lange nicht. Das Beispiel Iran schreckt weiter. Dass die islamistischen Moslembrüder in Kairo derzeit nur eine Rolle am Rande spielen, dürfte mehr strategischen Überlegungen entspringen als demokratischen Einsichten.

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