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BERLINER MORGENPOST: Ende des digitalen Exhibitionismus - Leitartikel

Berlin (ots) - Auf den ersten Blick ist der jüngste Vorstoß der EU-Kommission in Sachen Datenschutz mehr als überfällig: Dass intime Daten von Internetnutzern heutzutage interessierten Unternehmen uneingeschränkt zur Verfügung stehen und in der Regel auf Jahre hinweg auffindbar bleiben, ist ein Missstand der digitalen Welt, der für den Einzelnen unangenehm, aber auch gesamtgesellschaftlich bedenklich ist. Zu groß ist die Gefahr, dass die Angaben von Unternehmen, Parteien oder im Extremfall gar von Kriminellen missbraucht werden. Mit gutem Grund also fordern Verbraucherschützer und Politiker seit Monaten unisono, Konzerne wie Facebook, Google & Co. stärker in die Pflicht zu nehmen - statt wie bislang nur auf eine freiwillige Selbstkontrolle zu setzen. Die Brüsseler Initiative, der zufolge Internetunternehmen ihren Kunden künftig die Möglichkeit einräumen sollen, ihre Daten selbst zu löschen, kann da allerdings wenig ausrichten - und klingt mehr als hilflos. Internationale Konzerne wie Google und Microsoft speichern ihre Daten auf Servern in aller Welt ab. Ohnehin ist das digitale Universum so weitläufig und unüberschaubar, dass nationale Gesetze da wenig weiterhelfen. Noch dazu ist nicht einmal gewährleistet, dass gelöschte Inhalte ganz aus dem Netz verschwinden: Als Kopie können die Dateien jederzeit an anderer Stelle im Netz wieder auftauchen. Eine globale Löschfunktion für das Internet gibt es nicht. Natürlich muss man die Unternehmen stärker als bislang in die Pflicht nehmen und ihnen eine maximale Transparenz beim Umgang mit persönlichen Daten abverlangen. Und natürlich müssen sie ihre Kunden über die Risiken aufklären, die aus der Freigabe intimer Daten resultieren. Hilfreich wäre da allein schon, die Regelungen für einen Widerspruch gegen die Datenerhebung möglichst einfach zu gestalten - sodass solch ein Schritt nicht mit einem unnötig großen bürokratischen Aufwand verbunden ist. Auch eine konkrete Halbwertzeit für online verwandte Daten, nach deren Ablauf die Informationen automatisch gelöscht werden, wäre ein Denkmodell. Der Beweis, dass dies von den Konzernen auch global umgesetzt würde, stünde allerdings noch aus. Machen wir uns nichts vor: Der wichtigste Schlüssel für einen besseren Persönlichkeitsschutz im Internet liegt ohnehin bei den Nutzern selbst. In der realen Welt sind die meisten von uns völlig zu Recht äußerst vorsichtig, fremden Zeitgenossen oder gar Unternehmen unsere Kontonummern, die Adresse oder auch nur die Handynummer anzuvertrauen. Im Internet dagegen wiegen sich noch immer erschreckend viele Leute in einer gefährlichen Sicherheit. Gerade jüngere Menschen sind oft allzu leichtfertig bereit, sich online quasi auszuziehen. Statt wie viele Facebooker etwa intime Urlaubs- und Familienfotos oder andere persönliche Informationen ins digitale Nirwana zu schicken, sollten sie den digitalen Exhibitionismus lieber auf ein Minimum beschränken.

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