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Berliner Morgenpost: Berlins CDU entscheidet heute über ihre Zukunft - Kommentar

    Berlin (ots) - Die Berliner CDU ist wirklich arm dran. Es mangelt ihr an klugen Köpfen. Und kommt mal einer vorbei, stellt der sich so altklug und ungeschickt an, dass er gleich wieder abserviert wird. Das alles hat die Partei über die Jahre fast zerrissen. Nun ist sie dabei, den vierten Neuanfang seit 2002 zu versuchen. Ging die Wahl des neuen Parteichefs Frank Henkel vor einigen Tagen noch reibungslos über die Bühne, wird es heute schon wieder spannend - neuer Streit nicht ausgeschlossen. Die CDU-Delegierten sollen über die von den sechs mächtigen Kreisvorsitzenden ausgekungelte Kandidatenliste für die Bundestags- und Europawahl abstimmen. Ein Machtgemauschel, genau wie früher. Damit ist auch dieser versprochene Neuanfang schon verpasst. Denn auf den sicheren Plätzen stehen fast all die Namen, die der CDU in den vergangenen Jahren wenig Glück und Erfolg gebracht haben. Eine Überraschung ist das eigentlich nicht, denn an neuen, klugen, sich aufdrängenden Hoffnungsträgern herrscht bekanntlich Mangel. Deshalb muss es für die Partei nach ihrem bislang heftigsten Streit - bis hin zu persönlichen Erniedrigungen - in einer ersten Phase darauf ankommen, sich wieder zu stabilisieren, Gesten der Versöhnung zu zeigen. Das ist die erste große Herausforderung für den neuen Parteichef Henkel. Nur wenn er die Kandidaten wie die Delegierten heute dazu bewegen kann, wird nicht auch er gleich wieder beschädigt. Damit lastet auf den Delegierten heute mehr als nur die Verantwortung für zwei Kandidatenlisten. Der derzeitige Reifegrad der Partei wird sich vor allem an der Entscheidung über zwei Personen erweisen. Von der Sache her hat es der mehr gefürchtete als geachtete Ingo Schmitt eigentlich nicht verdient, erneut auf einen sicheren Listenplatz gewählt zu werden und damit weitere vier Jahre als Hinterbänkler im Bundestag zu sitzen. Fällt er aber durch, droht er als Vorsitzender eines starken Kreisverbandes zum dauernden Störenfried zu werden. Allein die Ratio empfiehlt also, ihn einzubinden. Ähnlich schwierig ist die Kandidatur Friedbert Pflügers gegen den von der Parteiführung favorisierten Joachim Zeller für das EU-Parlament. Pflüger ist der Seele der Berliner CDU immer fremd geblieben und hat am Ende tiefe Wunden gerissen, als er in ziemlicher Selbstüberschätzung und zum falschen Zeitpunkt alle Macht bei sich bündeln wollte. Aber anders als bei Schmitt hätte Pflüger von der Sache her das Europa-Mandat verdient. Denn wenn einer für Berlin in Europa mehr als bislang herausholen kann, dann ist es sicherlich der international erfahrene Pflüger und nicht der Kommunalpolitiker Zeller. Es wäre zudem ein Zeichen der Versöhnung, das die Partei nach den Schlachten der vergangenen Wochen bitter nötig hat. Die Delegierten entscheiden heute also nicht nur über die Zukunft von Kandidaten, auch über die ihrer Partei.

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