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26.08.2004 – 20:00

Lausitzer Rundschau

Lausitzer Rundschau: Die LAUSITZER RUNDSCHAU Cottbus zu Die Eierwürfe, die Buhrufe, der Kanzler und Hartz IV

    Cottbus (ots)

Wenn in ostdeutschen Städten die Bahnstrecken renoviert sind, halten anschließend leider viel zu oft weniger Züge – wie jetzt, wo es in Windeseile von Berlin nach Hamburg geht, im brandenburgischen Wittenberge. Der nagelneue Bahnhof dort wäre dennoch bis vor kurzem gut gewesen für ein paar nette Wahlkampf-Fotos. Aber heutzutage gibt es Pfiffe, Buhrufe und einen Eierwurf für Gerhard Schröder. Und das macht Schlagzeilen und so mancher mag denken, endlich passiere etwas. Man soll sich nichts vormachen, was die neue Form des Protestes im Osten betrifft oder sich gar in Kraftmeierei hineinreden. So wie in Ostdeutschland jeder jemanden kennt, der verzweifelt Arbeit sucht und bald noch weniger zum Leben hat, so weiß im Westen auch jeder von einem, der auf Stütze lebt, obwohl er es gar nicht nötig hat. Die soziale Lage in Deutschland ist wie die gefühlte Temperatur. Dort, wo der Wind scharf bläst, wird es kalt. In Stuttgart und drumherum herrscht Windstille. Der Protest im Osten muss dann natürlich provozieren. Das macht ihn nicht automatisch suspekt. Und es gehört zur Demokratie, dass die Menschen, die sich auf eine Konfrontation mit Politikern einlassen, meinen, es komme vor allem darauf an, sich hörbar zu machen. Und inzwischen werden sie auch gehört. Was aber artikuliert sich nun auf ostdeutschen Straßen jenseits der Zukunftsangst, für die jeder Verständnis hat? Warum schlägt die Verzweiflung und Wut mancherorts um in blanken Hass auf alle, die Verantwortung tragen? Da bricht sich auch etwas anderes Bahn, was wenig zu tun hat mit den Kürzungen der Sozialleistungen. Da werden viel ältere Verletzungen wieder sichtbar. Und auch das ist legitim und muss schon mal gesagt, auch rausgeschrieen werden können. Nur hat dieser Aufschrei leider viel zu selten befreiende Wirkung. Was wiederum daran liegt, dass die Angst und die Wut viele Trittbrettfahrer haben. Und das sind nicht nur die zynisch Kalkulierenden, die wissen, dass verzweifelte Menschen leichter zu manipulieren sind. Was auch mitfährt, ist eine Sehnsucht, die nicht zu erfüllen ist. Die Sehnsucht nach einer halbwegs heilen Welt, von der im Grunde jeder wissen müsste, dass es sie noch nie gab und dass sie deswegen auch keinem geraubt werden konnte. Aber wenn der Protest in Ostdeutschland sich in ein imaginäres Gestern flüchtet, dann wird er sehr schnell deutliche Grenzen finden. Es gibt in der Bundesrepublik mit Sicherheit keine Mehrheit für jenen gescheiterten Versuch einer angeblich harmonischen und widerspruchsfreien Verknüpfung von Wirtschafts- und Sozialpolitik, der die DDR ruinierte.


ots-Originaltext: Lausitzer Rundschau

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