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Weser-Kurier: Katrin Pribyl über die Wahl in Großbritannien

Bremen (ots) - Vor wenigen Tagen noch stand Theresa May in einer Lagerhalle und machte Wahlkampf. Die Premierministerin, stets als verkrampft verspottet, sollte menscheln. Das Problem: Die Arbeiter wurden nach Hause geschickt und durch konservative Aktivisten ersetzt. Die Szene steht symbolisch für ihren Wahlkampf - ein Rohrkrepierer. May speiste ihre Wähler mit Leerformeln ab und forderte dafür einen Blankoscheck für die anstehenden Brexit-Verhandlungen. Ja, die Konservativen halten noch immer die Mehrheit. Aber innerhalb der Partei schäumen sie vor Wut. Es scheint ausgeschlossen, dass Theresa May eine volle Legislaturperiode in der Downing Street überlebt. Sie hat zu hoch gepokert. Keine andere Partei geht so schonungslos mit ihren Vorsitzenden um, wenn diese nicht in ihrem Sinne liefern. Es darf davon ausgegangen werden, dass Minister hinter den ehrwürdigen Mauern von Westminster bereits Pläne schmieden, wie und wann die Regierungschefin geschasst wird. Dass May  betonte, allein sie könnte dem Land Stabilität in diesen unsicheren Zeiten geben, zeugt von Realitätsverlust. Sie setzte rücksichtslos eine Wahl an, die keiner wollte. Ihretwegen lagen die Brexit-Vorbereitungen wochenlang auf Eis. Dabei steht dem Königreich eine gigantische Herausforderung bevor. Zur Verzweiflung von Unternehmern, Diplomaten und Beobachtern hat es die Politik versäumt, der Bevölkerung Details zum EU-Austritt vorzulegen, sie auf Abstriche vorzubereiten oder damit zu beginnen, das schiere Ausmaß der Scheidung zu skizzieren. In Mays künftigem Großbritannien fließen angeblich Milch und Honig. Das böse Erwachen dürfte in wenigen Jahren folgen. Dagegen hat der lebenslange EU-Skeptiker Jeremy Corbyn, der im vergangenen Jahr offiziell zwar auf der Seite der Europafreunde stand, aber nur halbherzig für den Verbleib warb, das Thema im Wahlkampf so gut wie möglich umschifft. Viele Briten schienen wenig interessiert an einem konkreten Plan oder an den finanziellen, wirtschaftlichen und politischen Folgen. Hauptsache Brexit. Trotzdem steckt eine Botschaft in dem jetzigen Votum. Dass etliche Jungwähler mit ihrer Stimme für Corbyn auch gegen Mays  harten Bruch mit Brüssel votiert haben, darf nicht ignoriert werden. Labour setzt sich für eine Soft-Version des Ausstiegs ein. Nach diesen aufwühlenden Wochen muss das Land endlich beginnen, über Inhalte zu streiten, um dann einen Konsens zu finden. May wollte mit dem Ansetzen der Neuwahlen die Opposition praktisch entmachten. Sie hat das Gegenteil erreicht. Das ist die eine gute Nachricht aus einem Land, das sich wieder neu sortieren muss.

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