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Weser-Kurier: Kommentar von Joerg Helge Wagner zur Zuwanderung nach Deutschland

Bremen (ots) - Verrückte Welt! In halb Europa wird mit anti-deutschen Klischees Wahlkampf gemacht. Wirtschaftswissenschaftler geißeln das Ungleichgewicht in unserer Außenhandelsbilanz. Politikberater finden, dass Deutschland zu wenig weltpolitische Verantwortung übernehme. Jeden Abend knallen auf unzähligen TV-Kanälen rund um den Globus die SS-Stiefel in einer medialen Endlosschleife. Aber wir sind gerade Vize-Weltmeister geworden, ausgerechnet in der Disziplin "Einwanderung"! Verrückte Welt? Nicht unbedingt, denn Image und Realität sind natürlich nicht deckungsgleich. Das sieht man am besten beim unangefochtenen Einwanderungs-Weltmeister, den USA: mieser Ruf - vor allem bei jenen, die nie dort waren, aber offenbar immer noch tolle Chancen - für jene, die sich doch hintrauen. Deutschland ist heute gerade für viele Ost- und Südeuropäer das, was die USA für deren Vorfahren im 19. und 20. Jahrhundert waren: Ein etwas unheimliches Land, das aber Chancen bietet, der heimischen Tristesse und Perspektivlosigkeit zu entkommen. Deutschlands hoch differenzierte Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft sollte sich darüber freuen, denn ihr Wohlstand ist durch Überalterung bedroht. Nicht zuletzt die aktuelle Rentendebatte zeigt dies: Wieviel kann eine immer dünner werdende Schicht von Erwerbstätigen noch schultern? Unsere Sozialsysteme brauchen dringend eine Frischblut-Transfusion, zum Glück wird schon kräftig gepumpt. Die Angst vor Zuwanderern, die genau diese Systeme nur aussaugen wollen, ist irrational. Selbst innerhalb einer EU, in der nun völlige Freizügigkeit herrscht, werden unsere entsprechenden Sperrmechnismen funktionieren - der gestrige Antrag des Generalanwalts beim Europäischen Gerichtshof spricht jedenfalls dafür. Von Einzelfällen abgesehen zahlen die Migranten weit mehr ein, als sie in Anspruch nehmen, da die allermeisten gut ausgebildet sind und schnell Arbeit finden. Deutschland tut gut daran, sie dabei nach Kräften - etwa durch Sprachkurse - zu unterstützen: Es ist eine Investition in die eigene Zukunft. Auch Spanien und Italien liegen bei der Einwanderung weit vorne - aber nur, weil hier die meist kaum ausgebildeten Armuts- und Kriegsflüchtlinge aus Afrika ankommen. Es klingt unmenschlich, ist aber nicht zu leugnen: Europas Süden verliert "Humankapital" und bekommt neue Bürden. Die inner-europäische Zuwanderung von Qualifizierten wird damit Deutschlands Übergewicht in der EU noch einmal verstärken. Ja, da droht der nächste Image-Schaden, aber der ist durch verantwortungsvolle Politik zu beheben.

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