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22.10.2021 – 20:30

Börsen-Zeitung

Greenflation, Marktkommentar von Kai Johannsen

Frankfurt (ots)

Dass das Marktsegment von Green und Sustainable Finance, wozu auch die Green Bonds gehören, die Kapitalmärkte in den nächsten Jahren umkrempeln wird, gilt als ausgemachte Sache. Allerdings wird dieses Marktsegment auch erhebliche Auswirkungen auf die Realwirtschaft zeigen, denn genau das ist ja der Zweck.

Green Bonds wurden 2007 von der in Luxemburg ansässigen Europäischen Investitionsbank (EIB) nicht um ihrer selbst willen erschaffen, um also nur ein neues Anlageprodukt zu haben. Sondern es ging gerade darum, über zweckgebundene Anleihen einen Beitrag zu Klima- und Um­weltschutz zu leisten. Und somit zeigt dieses Marktsegment nach 14-jähriger Existenz Auswirkungen, was bei einem mittlerweile mehr als 2 Bill. Dollar schweren Markt hinsichtlich des ausstehenden Volumens an grünen und auch sozialen und nachhaltigen Anleihen auf der Hand liegt.

In einer Reuters-Analyse zu den Auswirkungen von Green Finance widmen sich Sujata Rao und Simon Jessop der Frage, ob Green Finance und damit die Green Bonds auch zu mehr Teuerungsdruck und auch einem anhaltenden Inflationsschub führen: Greenflation - zusammengesetzt aus den Begriffen Green und Inflation - könnte damit die realwirtschaftliche Auswirkung sein. Und das könnte die Kapitalmärkte wiederum intensiver beschäftigen, denn es könnte bei deutlichem und anhaltendem Inflationsanstieg, der dann auf Green Finance zurückzuführen ist, auch die Notenbanken auf den Plan rufen, die hierauf mit einer Verschärfung der Geldpolitik reagieren, was schlussendlich auch wiederum Rückkopplungseffekte auf die Märkte von Anleihen, Aktien sowie Währungen zeigen würde.

Natürlich kann heute niemand mit Gewissheit sagen, ob es durch Green Finance und die damit ausgelösten realwirtschaftlichen Veränderungen tatsächlich in einigen Jahren zu höheren Teuerungsraten kommt. Ohne Zweifel wird in Sachen Klima- und Umweltschutz in den nächsten Jahren noch einiges an Regulierung auf Unternehmen, Banken und andere Institutionen zukommen. Und das wird mit erheblichen Kosten verbunden sein.

Diese Projekte, die über Green- und Sustainable-Finance-Instrumente finanziert werden, werden die Realwirtschaft stark verändern. Die Wirtschaft wird grüner und nachhaltiger, das ist ja gerade das Ziel. Die Frage ist, ob etwa Unternehmen die damit verbundenen Kosten über Preisüberwälzungen an Kunden weitergeben können oder ob das nicht der Fall ist und sich dadurch ihre Gewinnmarge verschlechtert, was letzten Endes an den Aktienmärkten etwa in Form geringerer Dividenden nicht gut ankommen könnte. Vermutlich wird die Antwort nicht einhellig sein, mitunter wird es zu Preisüberwälzungen kommen, weil Kunden die Sinnhaftigkeit der Projekte erkennen und bereit sind, zumindest einen Teil der damit verbundenen Kosten zu tragen. In anderen Bereichen wird das nicht der Fall sein. Das muss abgewartet werden. Die Auswirkungen auf die Teuerung und damit die Rückkopplungseffekte auf Märkte lassen sich nicht verlässlich schlussfolgern.

Die Veränderungen sind vielschichtig; es gibt unzählige Beispiele. Bestimme Kraftfahrzeuge werden aus dem Verkehr verschwinden, weil sie Anforderungen nicht mehr erfüllen. Das bekommen Produzenten zu spüren, weil diese Fahrzeuge nicht mehr nachgefragt werden. Andere treten an ihre Stelle, die in hoher Zahl produziert werden und deren Preis tendenziell eher sinken wird. Ähnlich sieht es bei Container- und Kreuzfahrtschiffen aus, die verschwinden werden, wenn sie grün und nachhaltig ausgerichtete Häfen nicht mehr anlaufen dürfen. Das wird bei Reedereien und Frachtunternehmen auch nicht unbemerkt bleiben. Es muss reagiert werden: Schiffe mit "sauberem" Antrieb müssen her. Auch das verursacht Kosten. Aber ob diese langfristig hoch sein werden oder ob es nur zu einem vorübergehenden Teuerungsschub kommt, ist die Frage. Denn irgendwann ist der Übergangsprozess auch mal abgeschlossen, die Kosten des Übergangs fallen dann weg. Doch das wird noch viele Jahre dauern. Vielleicht ist es auch so wie bei den Green Bonds: Auch hier war nicht absehbar, ob die Papiere zu dauerhaft höheren Renditen am Markt platziert werden müssen und es dadurch zu Renditeschüben kommt, weil die Anleger höhere Renditen verlangen, wenn sie Gelder in solche Projekte investieren. Oder ob sie die gleichen Renditen wie bei nicht-grünen Anleihen verlangen. Oder ob sie bereit sind, sogar geringere Renditen bei Green Bonds zu akzeptieren. Heute gibt es das Greenium: Niedrigere Renditen bei grünen Anleihen. Greenflation würde dann gebildet aus: Green und Deflation.

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