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Börsen-Zeitung: Trendwende am Aktienmarkt, Börsenkommentar "Marktplatz" von Dieter Kuckelkorn

Frankfurt (ots)

Am europäischen Aktienmarkt herrscht derzeit
Verunsicherung vor. Ein Ölpreis, der kurzfristig Kurs auf 140 Dollar 
je Barrel nimmt, hinterlässt seine Spuren. Der Dax hat in der gerade 
beendeten Börsenwoche deutlich Schwäche gezeigt. Zwar ist der 
deutsche Leitindex zu Beginn der Woche erstmals seit Mitte Februar 
dieses Jahres auf über 7200 Punkte gestiegen. Danach bröckelte das 
Kursniveau jedoch wieder ab, am Donnerstag wurde zeitweise sogar die 
Marke von 7000 Punkten unterschritten.
Somit scheint eine Besinnung auf die eher trüben Realitäten 
eingetreten zu sein, denn bislang haben die Akteure den stark 
steigenden Ölpreis als bedeutendsten Risikofaktor für eine Erholung 
der Aktienmärkte geflissentlich übersehen. Dabei ist die Verteuerung 
des Energieträgers durchaus substanziell: Seit der kleinen Korrektur 
von Anfang Mai bis auf 107 Euro hat sich Rohöl um rund 20% verteuert.
Wie es scheint, brauchte es am Aktienmarkt aber erst einen Weckruf, 
um sich der Realität zu stellen. Dieser war in Gestalt von Studien 
der US-Investmentbank Goldman Sachs zu vernehmen, die einen Anstieg 
auf bis zu 200 Dollar in vielleicht lediglich sechs Monaten, 
spätestens jedoch zwei Jahren voraussagte und die Prognose für den 
Durchschnittspreis in der zweiten Jahreshälfte von 107 auf 141 Dollar
anhob.
Insofern scheint sich das zu ereignen, was auch in der 
Vergangenheit üblicherweise zu beobachten war: Regressionsanalysen 
der BayernLB zufolge reagiert der Aktienmarkt auf den Ölpreis, wobei 
auch die leichte zeitliche Verzögerung nicht unüblich ist.
Damit stellt sich die Frage, wie es am Aktienmarkt weitergeht. Was
den Ölpreis als den wohl schwerwiegendsten Einflussfaktor betrifft, 
so sieht es derzeit nicht nach einer Entspannung aus. Was sich 
derzeit auf dem Ölmarkt abspielt, werten die Analysten von Unicredit 
als eine waschechte Versorgungskrise. In den vergangenen zwei Jahren 
sei die Förderung nicht mehr gestiegen, die globale Nachfrage liege 
seit dem vierten Quartal 2007 um etwa 2 Mill. Barrels pro Tag (bpd) 
über dem stagnierenden Angebot von 85 Mill. bpd. Die Unterversorgung 
dürfte weiter zunehmen, bis Jahresende gehen die Analysten von einem 
Anstieg auf 5 Mill. bpd aus. Auch mittelfristig sieht es nicht besser
aus. Saudi-Arabien als größter Produzent der Welt hat angekündigt, 
man werde die Förderung nicht über das aktuelle Niveau hinaus 
ausdehnen. Russland als der wichtigste Lieferant außerhalb des 
Kartells der Organisation Erdöl exportierender Staaten (Opec) geht 
ebenfalls von einer Stagnation der Produktionsmengen aus. Nach 
Schätzungen von Unicredit soll sich die Förderlücke in den kommenden 
Jahren bis auf 12,5 Mill. bpd ausweiten.
Damit bräuchte der Aktienmarkt schon andere Faktoren, um ihm die 
für eine Fortsetzung der Erholung notwendigen Impulse zu geben. Aus 
fundamentaler Sicht wäre am ehesten eine über den Erwartungen 
liegende konjunkturelle Entwicklung geeignet. Immerhin sind in den 
vergangenen Tagen einige US-Indikatoren besser hereingekommen als 
erwartet. Allerdings ist die amerikanische Notenbank derzeit eher 
pessimistisch. Sie hat unlängst die Prognose für das 
US-Wirtschaftswachstum im gesamten laufenden Jahr von 1,3 bis 2% auf 
nur noch 0,3 bis 1,2% zurückgenommen. Gleichzeitig geht sie von einer
Inflationsrate aus, die mit 3,1 bis 3,4% aus dem Ruder läuft. 
US-Ökonomen vermuten, dass der jüngste Preisschub beim Öl von 90 auf 
über 120 Dollar rund 0,5 Prozentpunkte Wirtschaftswachstum kostet. 
Setzt sich die ÖlHausse fort, dürften die Folgen für die 
US-Wirtschaft und die Welt noch dramatischer werden.
Eine Belastung für den Markt stellt auch die unerfreulich hohe 
Geldentwertung dar. So gehen historisch gesehen mit strukturell hohen
Inflationsraten niedrigere Aktienbewertungen einher, wird bei 
Unicredit betont.
Für den deutschen und europäischen Aktienmarkt bedeutet dies, dass
in den kommenden Wochen und vielleicht Monaten nicht mit einer 
Fortsetzung der Erholung zu rechnen ist. Bestenfalls ist eine 
Bodenbildung mit erhöhter Volatilität zu erwarten. Was sich in der 
gerade beendeten Börsenwoche bei den Dividendenwerten ereignet hat, 
ist somit aller Wahrscheinlichkeit nach eine Trendwende, die die 
Richtung für die kommenden Wochen und Monate vorgibt.
(Börsen-Zeitung, 24.5.2008)

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