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14.12.2020 – 11:42

Technische Universität München

Der Video-Schiedsrichter im Fokus: Fans äußern sich negativ über Entscheidungen des Videoassistenten

TECHNISCHE UNIVERSITÄT MÜNCHEN

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PRESSEMITTEILUNG

Der Video-Schiedsrichter im Fokus

Fans äußern sich negativ über Entscheidungen des Videoassistenten

Seit der Saison 2017/18 können in der Bundesliga strittige Szenen technisch überprüft und gegebenenfalls auch korrigiert werden. Wie sich Entscheidungen des Video-Schiedsrichters auf die Stimmung der Fans auswirken, hat nun ein Forschungsteam der Technischen Universität München (TUM) anhand einer Twitter-Analyse von 129 Spielen der englischen Premier League herausgefunden.

Zur Saison 2019/20 führte die englische Premier League den Video Assistant Referee (VAR), zu Deutsch Videobeweis, ein. Wie sehr dies die Stimmung der Zuschauerinnen und Zuschauer beeinflusst, untersuchten Dr. Otto Kolbinger und Melanie Knopp vom Lehrstuhl für Trainingswissenschaft und Sportinformatik der TU München.

Insgesamt flossen 643.251 englischsprachige Tweets des Social-Media-Kanals Twitter aus 129 Spielen in die Studie mit ein, in denen es 94 VAR-Vorfälle gab. Davon hatten über 58.000 Tweets (9,1 Prozent aller Tweets) einen direkten Bezug zum Video-Schiedsrichter.

Künstliche Intelligenz analysiert Twitter-Tweets

Zur Auswertung nutzte das Team die Methode des "text minings", ein algorithmusbasiertes Analyseverfahren zur Entdeckung von Bedeutungsstrukturen in Textdaten. Der Schwerpunkt der Studie lag auf der automatischen Extraktion von implizitem Wissen aus großen Mengen von Textdaten, in diesem Fall Tweets, die über eine Schnittstelle extrahiert wurden.

"Wir haben den offiziellen Hashtag einer jeden Partie verwendet, wodurch wir sicherstellen konnten, dass der Tweet sich auch auf das jeweilige Spiel bezieht", erklärt Dr. Kolbinger die Vorgehensweise. "Zudem haben wir erstmalig einen neuen Algorithmus für die Textklassifizierung verwendet. In unserem Fall hat er besser abgeschnitten als Algorithmen, die in vorherigen Studien verwendet wurden."

Um ein sogenanntes Overfitting, also eine Überanpassung eines Modells an einen vorgegebenen Datensatz, zu vermeiden, ließ das Team jeweils nur einen Bruchteil der Variablen in die einzelnen Schritte der Modellbildung einfließen.

Der Einsatz des Videoassistenten verdirbt die Stimmung

In seiner Datenanalyse untersuchte das Team, ob ein Tweet, der auf eine bestimmte VAR-Situation Bezug nimmt, positiv oder negativ formuliert ist. Dabei fanden die Forschenden heraus, dass die durchschnittliche Stimmung der Tweets im Zusammenhang mit Entscheidungen des Video-Schiedsrichters signifikant niedriger war als bei anderen Tweets: 76,24 Prozent der über 58.000 Tweets waren negativ formuliert, 12,33 Prozent positiv und 11,43 Prozent neutral.

Zudem untersuchte das Forschungsteam die durchschnittliche Stimmung aller Tweets für jedes Spiel chronologisch. Dabei konnte es zeigen, dass die Stimmung der Tweets, die in Perioden nach einem VAR-Zwischenfall veröffentlicht wurden, signifikant schlechter war als die in Tweets aus den Perioden davor.

Dieser Einbruch hielt im Schnitt 20 Minuten lang an. Der Einsatz des VAR während eines Spiels führte also auf Twitter zu einer negativen Stimmung. Aus diesem Ergebnis entstand auch der plakative und beziehungsreiche Studientitel: "Video kills the sentiment".

Transparentere Kommunikation von VAR-Entscheidungen

Nach Ansicht des Forschungsteams ist der derzeitige Status quo nicht zufriedenstellend. Es empfiehlt daher den Führungsgremien in den Verbänden und Ligen des europäischen Fußballs, das System zu verbessern.

"Die Fußballverbände sollten versuchen, bei allen VAR-Entscheidungen transparenter zu kommunizieren", empfiehlt Dr. Kolbinger. "Um diese Transparenz zu gewährleisten, könnten die Verbände die Kommunikation zwischen dem Schiedsrichter auf dem Feld und dem Video-Schiedsrichter übertragen, wie es beispielsweise beim Feldhockey der Fall ist. Eine Alternative wäre, wie im American Football die Möglichkeit einer 'Coaches Challenge' einzuführen. Das sind aber nur alles Denkanstöße, die wir anhand unserer Ergebnisse mit auf den Weg geben wollen."

Reaktionen des Publikums sowohl quantitativ als auch qualitativ messen

"Das Forschungsprojekt von Dr. Otto Kolbinger und Melanie Knopp ist eine Pionierleistung", so Prof. Lames, Inhaber des Lehrstuhls für Trainingswissenschaft und Sportinformatik. "Sie haben mit einer Technologie gearbeitet, die sie neu erschlossen und in Deutschland erstmals angewandt haben. Es ist ein innovativer und bahnbrechender Beitrag, der die Wissenschaft in diesem Bereich weiterbringt."

"Anhand dieser Sentiment-Analysen kann man Reaktionen vom Publikum sowohl quantitativ als auch qualitativ messen", erläutert Prof. Lames. "Zudem können Einschätzungen und Emotionen untersucht werden, was ein extrem wertvolles Marketinginstrument darstellt."

Publikation:

Otto Kolbinger, Melanie Knopp

Video kills the sentiment - Exploring fans' reception of the Video Assistant Referee in the English Premier League using Twitter data

PLOS ONE, 15(12) e0242728 - DOI: 10.1371/journal.pone.0242728

https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0242728

Bilder mit hoher Auflösung:

https://mediatum.ub.tum.de/1584740

Kontakt:

Prof. Dr. Martin Lames

Lehrstuhl für Trainingswissenschaft und Sportinformatik

Georg-Brauchle-Ring 60/62, 80992 München

Tel.: +49 89 289 24500 - E-Mail: Martin.Lames@tum.de

https://www.sg.tum.de/trainingswissenschaft/

Dr. Otto Kolbinger

Lehrstuhl für Trainingswissenschaft und Sportinformatik

Georg-Brauchle-Ring 60/62, 80992 München

Tel.: +49 89 289 24502 - E-Mail: Otto.Kolbinger@tum.de

https://www.sg.tum.de/trainingswissenschaft/

Die Technische Universität München (TUM) ist mit rund 600 Professorinnen und Professoren, 44.000 Studierenden sowie 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine der forschungsstärksten Technischen Universitäten Europas. Ihre Schwerpunkte sind die Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Lebenswissenschaften und Medizin, verknüpft mit den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Die TUM handelt als unternehmerische Universität, die Talente fördert und Mehrwert für die Gesellschaft schafft. Dabei profitiert sie von starken Partnern in Wissenschaft und Wirtschaft. Weltweit ist sie mit dem Campus TUM Asia in Singapur sowie Verbindungsbüros in Brüssel, Mumbai, Peking, San Francisco und São Paulo vertreten. An der TUM haben Nobelpreisträger und Erfinder wie Rudolf Diesel, Carl von Linde und Rudolf Mößbauer geforscht. 2006, 2012 und 2019 wurde sie als Exzellenzuniversität ausgezeichnet. In internationalen Rankings gehört sie regelmäßig zu den besten Universitäten Deutschlands. www.tum.de

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