Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
PM Bundesstiftung Aufarbeitung: Das „Fanal von Zeitz": Zum 50. Todestag von Pfarrer Oskar Brüsewitz
Das „Fanal von Zeitz": Zum 50. Todestag von Pfarrer Oskar Brüsewitz
Neue Aktenfunde zeichnen ein differenzierteres Bild von Motiv und Wirkung der Tat
Berlin, 17. August 2026. Am 18. August 1976 übergoss sich der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz vor der Michaeliskirche in Zeitz mit Benzin und zündete sich an. Vier Tage später, am 22. August, erlag er seinen Verletzungen. Mit seiner Tat protestierte er gegen die Unterdrückung der Kirchen durch die SED-Diktatur. Sie gilt bis heute als eines der einschneidendsten Ereignisse in der Geschichte der kirchlichen Opposition in der DDR.
Neue Erkenntnisse zu Motiv und Vorgeschichte der Tat, die im Juni bei einer Veranstaltung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur vorgestellt wurden, stützen sich auf bislang unausgewertete Akten der Volkspolizei aus dem Landesarchiv Sachsen-Anhalt. Sie zeigen, wie intensiv Brüsewitz' missionarisches Wirken in seiner Gemeinde bereits vor 1976 beobachtet wurde und wie sich der Druck von Staat und eigener Landeskirche zu den Versetzungsplänen verdichtete, die seiner Tat unmittelbar vorausgingen.
Die neuen Funde rücken zugleich ein verbreitetes Bild zurecht: Nicht die Selbstverbrennung allein, sondern ein diffamierender Artikel im „Neuen Deutschland" Ende August 1976 löste die eigentliche Solidarisierungswelle aus – unter Pfarrern ebenso wie unter Menschen außerhalb der Kirche. Erst danach entstanden kirchliche Dokumentationen und eine offenere innerkirchliche Informationspolitik; Bürgerrechtler wie Heiko Lietz reisten durchs Land, um über den Fall aufzuklären. Die Historikerin Dr. Sabine Stach, die zu Brüsewitz promoviert hat, widersprach einer Formulierung, die ihr in einer Pressemitteilung begegnet war: Brüsewitz sei „der Vater der Friedlichen Revolution" gewesen. Seine Tat gehöre zur Geschichte der Opposition gegen die SED-Diktatur, wie die Ausbürgerung Wolf Biermanns oder der Hausarrest gegen Robert Havemann, die ebenfalls 1976 stattfanden.
„Die Geschichte von Oskar Brüsewitz zeigt, wie schwer sich Erinnerung an Widerstand in einfache Heldenerzählungen fassen lässt", sagt Anna Kaminsky, Direktorin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. „Gerade deshalb lohnt es, seine Geschichte fünfzig Jahre später genau und ohne Verkürzung zu erzählen: als individuellen, radikalen und bis heute umstrittenen Protest, der eine landesweite Debatte über das Verhältnis von Staat und Kirche und über die Mechanismen der SED-Diktatur ausgelöst hat."
Vorgestellt wurden die Erkenntnisse bei der Veranstaltung „Wenn Widerspruch nötig wird. Kirche, Protest und Verantwortung von der DDR bis heute", zu der die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur im Juni gemeinsam mit dem Beauftragten des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt und der Evangelischen Akademie zu Berlin eingeladen hatte. Neben Sabine Stach diskutierte dort der Vorsitzende des Brüsewitz-Zentrums, Prof. Dr. Wolfgang Stock; im weiteren Verlauf des Abends spannte sich der Bogen vom individuellen Protest über den 1986 gegründeten Arbeitskreis Solidarische Kirche bis zur Frage, welche Rolle Kirche als Ort des Widerspruchs in der Gegenwart spielen kann. Der Mitschnitt der Veranstaltung ist aus Anlass des Todestages zur Ansicht empfohlen: https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/wennwiderspruchnoetigwird
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