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Sexuelle Nötigung in Magdeburg: Frau nach Angriff nicht gestorben

Berlin (ots)

Eine junge Frau soll nach einer Vergewaltigung durch Flüchtlinge in Magdeburg gestorben sein - dieses Gerücht kursiert seit Jahren in den sozialen Netzwerken. In einer immer wieder verbreiteten Grafik wird es mit einem Zitat von Angela Merkel zu Straftaten von jugendlichen Migranten kombiniert, so als billige die Bundeskanzlerin solche Taten (http://dpaq.de/pRxc3).

BEWERTUNG: Die geschilderte Tat am Universitätsplatz in Magdeburg im Oktober 2015 wurde vom Landgericht als sexuelle Nötigung und gefährliche Körperverletzung bewertet. Das Opfer starb nicht.

FAKTEN: In der Nacht zum 30. Oktober 2015 hat ein afghanischer Flüchtling versucht, sich auf dem Universitätsplatz in Magdeburg an einer jungen Frau zu vergehen. Bei dem Angriff wurde die damals 19-Jährige bewusstlos. Wie aus einem Medienbericht zum Urteil vom 18. April 2016 hervorgeht, musste sie nach der Tat stationär im Krankenhaus behandelt werden und "war auch Wochen später noch krank geschrieben" (http://dpaq.de/bV0yw).

Es gibt jedoch keinen Beleg dafür, dass sie infolge des Angriffs starb. Die Grafik mit der Behauptung wurde schon 2015 verbreitet (http://dpaq.de/npqkv), wie ein Faktencheck von "Mimikama" zeigt. Der Magdeburger Oberstaatsanwalt bezeichnete das Gerücht schon im November 2015 als "Quatsch" (http://dpaq.de/OXmxf). Er bestätigte das auf Nachfrage der Deutschen Presse-Agentur am 6. Juli 2020. Nach Angaben des Oberstaatsanwalts wurde die Tat vor Gericht als sexuelle Nötigung und gefährliche Körperverletzung gewertet.

Der Täter flüchtete, als sich eine Zeugin näherte, wurde aber gefasst (http://dpaq.de/3bfiM). Wegen dieser und vier ähnlicher Taten in Magdeburg, darunter die Vergewaltigung einer 24-Jährigen, wurde er im April 2016 zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren verurteilt (http://dpaq.de/bV0yw).

In einem Medienbericht kurz nach der Tat war zunächst von drei Verdächtigen die Rede, die Asylbewerber aus Afghanistan seien (http://dpaq.de/bnHBj). Nur gegen einen von ihnen wurde jedoch Haftbefehl erlassen. Gerüchte, es seien sechs Flüchtlinge beteiligt gewesen, bezeichnete der damalige Justizstaatssekretär von Sachsen-Anhalt im November 2015 als falsch (http://dpaq.de/RKPiK).

Das Merkel-Zitat, das in der Grafik auf Facebook zusammen mit den Gerüchten über die Tat verbreitet wird, stammt aus dem Jahr 2011. In einem Video-Podcast kündigte die Bundeskanzlerin damals ein Treffen mit den Innenministern der Bundesländer an (http://dpaq.de/KuT10).

In der Grafik entsteht der Eindruck, Merkel sage, man müsse eine hohe Zahl der Straftaten von Migranten hinnehmen. Tatsächlich ist diese Aussage im Original eingebettet in eine Aufforderung, Ursachen von Gewalt in der Gesellschaft zu bekämpfen und dabei auch das Thema Migration zu berücksichtigen.

Merkel sagte: "Hierbei geht es darum, Sicherheit vor Ort zu gewährleisten und gleichzeitig die Ursachen von Gewalt in der Gesellschaft zu bekämpfen. Das gilt für alle Bereiche der Gesellschaft, aber wir müssen akzeptieren, dass die Zahl der Straftaten bei jugendlichen Migranten besonders hoch ist. Deshalb ist das Thema Integration eng verbunden auch mit der Frage der Gewaltprävention in allen Bereichen unserer Gesellschaft."

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Links:

Beitrag auf Facebook: https://www.facebook.com/photo.php?fbid=814616639067610&;set=a.170468323482448&type=3&theater (archiviert: https://archive.vn/btMsl)

Tageszeitung "Volksstimme" über die Tat und das Urteil: https://www.volksstimme.de/sachsen-anhalt/landgericht-freiheitsstrafe-wegen-vergewaltigung (archiviert: https://archive.vn/D2JB6)

MDR-Bericht mit Aussagen des Oberstaatsanwalts (archiviert): http://dpaq.de/OXmxf

Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Magdeburg zu Klageerhebung: http://www.presse.sachsen-anhalt.de/index.php?cmd=get&;id=876156&identifier=566f7820177e842bed46af1196dfd5e2 (archiviert: http://dpaq.de/zxX2d)

MDR-Bericht am Tag nach der Tat (archiviert): http://dpaq.de/bnHBj

Staatssekretär im Interview der "Mitteldeutschen Zeitung" (archiviert): http://dpaq.de/RKPiK

Video-Podcast von Angela Merkel: https://www.bundeskanzlerin.de/bkin-de/mediathek/merkel-wir-brauchen-jeden-jungen-menschen-1008260!mediathek?query= (archiviert: http://dpaq.de/KuT10)

"Mimikama" über die Gerüchte Ende 2015: https://www.mimikama.at/allgemein/das-gercht-ber-den-tod-einer-19-jhrigen-stimmt-nicht/ (archiviert: https://archive.vn/VLYNT)

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Kontakt zum dpa-Faktencheckteam: faktencheck@dpa.com

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