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dpa-Faktencheck

Flüchtlingskosten falsch berechnet - zudem überholte Zahlen

Berlin (ots)

In einem Artikel des «Deutschland Kurier» wird berechnet, dass die Flüchtlinge jeden Steuerzahler in Deutschland angeblich 250 Euro pro Monat kosten.

BEWERTUNG: Die Rechnung ist nicht korrekt. Zudem beruht sie auf Zahlen, die Wirtschaftsinstitute, auf die im Artikel Bezug genommen wird, inzwischen deutlich niedriger einschätzen.

FAKTEN: Der Artikel im «Deutschland Kurier» gibt an, die Bundesrepublik gebe für Flüchtlinge jährlich mindestens 50 Milliarden Euro aus - und bezieht sich dabei auf Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln) vom Februar 2016. Allerdings prognostiziert das Institut diese Kosten seinerzeit auf die Jahre 2016 und 2017 - also auf zwei Jahre, nicht auf eins (http://dpaq.de/yhWHR).

Das IW Köln legte in seinen damaligen Berechnungen den Flüchtlingszuzug Ende 2015/Anfang 2016 zugrunde. Seitdem ging die Zahl der Asylsuchenden, die nach Deutschland kamen, jedoch stärker zurück als angenommen.

Die Zahlen der jährlichen Asylanträge (Erst- und Folgeanträge) vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (http://dpaq.de/brfC4):

2015: 476 649

2016: 745 545

2017: 222 683

2018: 185 853

Im Text des «Deutschland Kurier» wird auch auf eine andere Berechnung verwiesen: 55 Milliarden Euro pro Jahr an Flüchtlingskosten soll das «Institut für Wirtschaftsforschung» ermittelt haben.

Gemeint ist wohl das Institut für Weltwirtschaft Kiel (IfW), das im Dezember 2015 tatsächlich auf mögliche Kosten von bis zu 55 Milliarden Euro im Jahr 2022 gekommen war (http://dpaq.de/8aiVA) - allerdings genauso anhand der damaligen Flüchtlingszahlen. Voraussetzung für dieses Rechenbeispiel war, dass «eine Million Flüchtlinge jährlich nach Deutschland» kommen. Inzwischen geht auch dieses Institut von deutlich niedrigeren Werten aus.

Schon damals wiesen die Forscher darauf hin, dass ihre Schätzungen mit großen Unsicherheiten behaftet seien. Es sei nicht möglich gewesen abzuschätzen, wie viele Menschen kommen, erklärte das IfW erneut auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Man habe Zahlen angenommen, die viel höher waren als tatsächlich.

Zudem verrechnete sich der «Deutschland Kurier» selbst mit den falschen Zahlen noch gewaltig. Wenn man die im Artikel angegebenen 50 Milliarden Euro jährlich herunterbricht, kommt man für einen Monat auf knapp 4,2 Milliarden Euro. Bei etwa 40,4 Millionen Steuerzahlern in Deutschland (jüngster Stand 2015, http://dpaq.de/RjJQN) wäre das im Schnitt nicht einmal die Hälfte der vermeintlich 250 Euro pro Steuerzahler.

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Links:

Statistisches Bundesamt über Steuerzahler: https://www-genesis.destatis.de/genesis/online/link/tabelleErgebnis/73111-0001

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Flyer/flyer-schluesselzahlen-asyl-2018.pdf?__blob=publicationFile

Instituts der deutschen Wirtschaft Köln: https://www.iwkoeln.de/studien/iw-kurzberichte/beitrag/fluechtlinge-folgen-fuer-arbeitsmarkt-und-staatsfinanzen-263939.html

Institut für Weltwirtschaft Kiel: https://www.ifw-kiel.de/de/publikationen/medieninformationen/2015/simulation-von-fluechtlingskosten-bis-2022-langfristig-bis-zu-55-mrd-eur-jaehrlich/

«Deutschland Kurier»-Artikel: https://www.deutschland-kurier.org/jetzt-muss-finanzminister-scholz-fuer-fluechtlinge-sogar-mehr-schulden-machen-merkel-gaeste-kosten-die-steuerzahler-jeden-monat-250-euro/ (archiviert: http://dpaq.de/clyKs)

Facebook-Post: http://dpaq.de/x4oLw (archiviert: http://dpaq.de/P1R4f)

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Kontakt zum dpa-Faktencheckteam: faktencheck@dpa.com

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