Fachwelt stellt nationalen Ernährungsrichtlinien durchwachsenes Zeugnis aus – Peer-Review-Studie offenbart Defizite bei pflanzlichen Empfehlungen sowie in Hörsaal und Kantine
Fachwelt stellt nationalen Ernährungsrichtlinien durchwachsenes Zeugnis aus
Peer-Review-Studie offenbart Defizite bei pflanzlichen Empfehlungen sowie in Hörsaal und Kantine
Berlin, 08.09.2026
Auf allen Kontinenten stoßen Fachkräfte bei der Umsetzung nationaler Ernährungsrichtlinien auf ähnliche Hürden, so das Ergebnis einer neuen Studie der Universität Göttingen, der Hochschule Fulda und der Ernährungsorganisation ProVeg in der Peer-Review-Fachzeitschrift Current Developments in Nutrition.1 Das Autorenteam unter der Leitung von Anna-Lena Klapp hat neben 20 qualitativen Interviews auf sechs Kontinenten eine weltweite quantitative Befragung unter 118 Experten durchgeführt. Deren gemeinsamer Tenor: Nationale Ernährungsempfehlungen hinken dem wissenschaftlichen Stand hinterher, überbetonen Fleisch und Milch und vernachlässigen gesunde, pflanzliche Alternativen.
Ernährungsrichtlinien wie die der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sprechen der Öffentlichkeit Empfehlungen aus und untermauern die nationale Politik in den Bereichen Ernährung, Gesundheit und Bildung. Laut der Welternährungsorganisation (FAO) haben mehr als 100 Länder weltweit nationale Leitfäden erlassen, die rund 90 Prozent der Weltbevölkerung abdecken.2 Gesundheits- und Ernährungsfachkräfte übertragen die Richtlinien in den Alltag der Menschen: Diätassistenten, Ernährungswissenschaftler und Ärzte übersetzen sie für ihre Patienten in konkrete Handlungsempfehlungen. Entsprechend äußerten die befragten Fachkräfte klare Erwartungen.
Am Bedarf vorbei?
Mehr als jede zweite Gesundheitsfachkraft weltweit (57,6 Prozent) bewertet ihre nationalen Richtlinien als nur mäßig oder wenig hilfreich, um eine gesunde und nachhaltige Lebensmittelauswahl zu fördern. Experten aus Ländern mit hohem Einkommen wie Deutschland äußern sich besonders kritisch.
Vor allem Hülsenfrüchte (62,7 Prozent), aber auch pflanzliche Milchalternativen (47,5 Prozent) und Nüsse und Saaten (42,4 Prozent) kommen den Befragten in den offiziellen Empfehlungen zu kurz. Klassische Milchprodukte (65,3 Prozent) und Fleisch (60,2 Prozent) halten die meisten Gesundheitsfachkräfte dagegen für überrepräsentiert. Mehr als vier von fünf Fachkräften befürworten die Aufnahme von pflanzlichen Alternativen zu Fleisch, Milch und Milchprodukten, kombiniert mit Hinweisen für eine gesunde Produktauswahl, wie der Empfehlung eines geringen Salz- und Zuckergehalts.3 4 5
Zwischen nationalen Ernährungsrichtlinien und der Ernährung der Bevölkerung klafft in den meisten Ländern weltweit eine deutliche Lücke. Weit verbreitet sind ein zu hoher Fleisch- und ein zu geringer Gemüseverzehr. In Deutschland liegt der durchschnittliche Fleischkonsum pro Kopf bei 54,9 Kilogramm pro Jahr.6 Die DGE empfiehlt weniger als ein Drittel dieser Menge.7
Das Beratungsdilemma in der Praxis
Die Kritik der Befragten reicht noch weiter: Im Interview berichteten beteiligte Ärzte durchweg von fehlender Ernährungsbildung während des Studiums. Ein Arzt aus Deutschland brachte das Defizit auf den Punkt: „Wir haben kein explizites Fach Ernährung im Medizinstudium. [I]ch kann mich daran erinnern, dass man vielleicht mal das Wort DGE gehört hat, aber ich kann mich nicht erinnern, substanziell Wissen über gesunde Ernährung erlangt zu haben.“ Und doch sind Ärzte bei Ernährungsfragen für viele Menschen die erste Ansprechperson.
Für die Beratungspraxis wünschen sich die Fachkräfte außerdem eine engere Verzahnung von Gesundheits- und Ernährungsinstitutionen. „Ich sehe die Deutsche Gesellschaft für Ernährung überhaupt nicht als Stakeholder in der Medizin an, und das wäre wichtig“, merkt ein Arzt aus Deutschland an. „Wir haben einen Fachverband für gesunde Ernährung, dessen Flyer sollten auf der Krankenhausstation liegen, genauso wie die Flyer von der Bahn [...]. Warum liegen da keine Flyer der DGE? Da kann ich mir ein bisschen mehr proaktive Zusammenarbeit vorstellen.“
Systemgestaltung statt Eigenverantwortung
Die Fachwelt sieht die Verantwortung für das tägliche Essverhalten dabei nicht beim Einzelnen allein, sondern nimmt Politik und Alltagsbedingungen in die Pflicht. Fast zwei von drei Befragten (65,3 Prozent) fordern Preissenkungen für gesunde und nachhaltige Lebensmittel, etwa durch Steuererleichterungen oder Subventionen. Ernährungsrichtlinien sollten überdies Angaben zu gesunder und nachhaltiger Ernährung für den schmalen Geldbeutel enthalten, erklärten 47,5 Prozent.
„Es gibt sehr viele Maßnahmen, die sich Menschen in Umfragen wünschen: gesunde Gemeinschaftsverpflegung, Regulierungen oder Veränderungen von Steuern und insgesamt gesündere Ernährungsumgebungen“, betonte ein deutscher Mediziner im Interview. „Politik hört immer auf Umfragen [...] außer im Ernährungsbereich.“ Trotzdem spürt der Arzt Dynamik: „Ich habe das Gefühl, dass da gerade sehr viel Momentum drin ist.“
Ein gesundes Schulessen nach Richtlinien-Standards gilt in Fachkreisen als ein Schlüsselhebel. In fünf deutschen Bundesländern – Berlin, Bremen, Hamburg, Saarland und Thüringen – ist die Einhaltung der DGE-Richtlinien für die Schulverpflegung verbindlich geregelt. Gut zwei Fünftel der befragten Fachkräfte (42,4 Prozent) fordern verpflichtende nationale Ernährungsstandards in öffentlichen Kantinen: in Schulen, Kitas und Krankenhäusern.
Transparente Richtlinien-Entwicklung
Eine Vorgängerstudie unter der Leitung von Anna-Lena Klapp hatte 2022 festgestellt, dass nationale Richtlinien in Ländern, in denen Fleischproduktion einen großen Teil des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, seltener pflanzliche Optionen enthalten. Auch 83 Prozent der befragten Fachkräfte sehen den Einfluss der Industrie als Barriere für die Umsetzung gesunder Richtlinien. 99,1 Prozent von ihnen fordern eine absolut transparente Entwicklung. Dass die DGE Experten an der jüngsten Überarbeitung ihrer Empfehlungen im Rahmen eines offenen Konsultationsprozesses beteiligt hat, bewertete ein deutscher Mediziner positiv. Zugleich betonte er, dass ein transparenter Prozess „frei von ökonomischen und politischen Interessen“ sein müsse.
Quellen 1 Klapp, Anna-Lena, Jonas Pardamean Simorangkir et al. (2026): From Policy to Practice: A Global Analysis to Identify Factors That Influence the Implementation of Food-Based Dietary Guidelines by Health and Nutrition Professionals, in: Current Developments in Nutrition 10(9): 109509, veröffentlicht am 07.08.2026. Online unter: https://doi.org/10.1016/j.cdnut.2026.109509
2 Food and Agriculture Organization of the United Nations (2026): Dietary guidelines. Online unter https://www.fao.org/nutrition/education/food-dietary-guidelines/home/en/
3 Aussage: „Plant-based meat alternatives such as tofu, seitan, and veggie meat should be included in FBDGs. This should be combined with information such as ‚prefer products low in salt and fat‘.“ Zustimmung: Strongly agree/agree = 81,4 Prozent.
4 Aussage: „Plant-based milk alternatives such as soya milk, oat milk, or almond milk should be included in FBDGs. This should be combined with information such as ‚prefer products without added sugar‘ and ‚prefer calcium-enriched plant-based milk‘.“ Zustimmung: Strongly agree/agree = 80,5 Prozent.
5 Aussage: „Plant-based dairy alternatives such as soya yogurt and nut cheese should be included in FBDGs. This should be combined with information such as ‚prefer products low in saturated fat‘.“ Zustimmung: Strongly agree/agree = 82,2 Prozent.
6 Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (2026): Versorgung mit Fleisch in Deutschland im Kalenderjahr 2010–2025, veröffentlicht am 07.04.2026. Online unter: https://www.ble.de/DE/BZL/Daten-Berichte/Fleisch/fleisch_node.html
7 Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2026): Lebensmittelbezogene Ernährungsempfehlungen der DGE, aktualisiert am 29.05.2026. Online unter: https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/faq/lebensmittelbezogene-ernaehrungsempfehlungen-dge/
Kontakt Lena Renz Senior PR Manager ProVeg presse@proveg.org +49 176 177 858 52
Über ProVeg Die Ernährungsorganisation ProVeg International wirkt darauf hin, dass pflanzenreiche Lebensmittel und alternative Proteine breit verfügbar sind und weithin Anklang finden. Damit beschleunigt sie den Übergang zu einem nachhaltigen globalen Ernährungssystem. ProVeg engagiert sich mit sämtlichen relevanten Interessenträgern für eine Ernährung, die Mensch, Tier und Planet guttut. ProVeg trägt den Momentum for Change Award der Vereinten Nationen und arbeitet eng mit deren wichtigsten Organisationen für Ernährung und Umwelt zusammen. ProVeg wirkt weltweit, mit Vertretungen in 14 Ländern auf fünf Kontinenten und mehr als 250 Beschäftigten. proveg.org/de