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Deutsche Marine - Pressemeldung (Fachartikel): Neues Nato-Expertenzentrum an der Kieler Förde nimmt Fahrt auf

    Glücksburg (ots) -

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    Kiel - Mit einem Festakt im Schleswig-Holsteinischen Landtag in Kiel wird am 26. Mai dem "Centre of Excellence for Operations in Confined and Shallow Waters (COE CSW)" der Status einer "International Military Organisation (IMO)" gemäß Artikel XIV der Pariser Protokolle zuerkannt. So arbeitet dann wieder eine hochrangige NATO-Dienststelle in Schleswig-Holstein.

    Als Folge des Gipfeltreffens in Prag 2002 hat die NATO im Jahr 2003 die neue NATO-Kommandostruktur entwickelt und in diesem Zusammenhang auch die Idee sogenannter "Centres of Excellence" (COE) konzipiert, um sich damit besondere nationale Fähigkeiten und Expertise im Bereich des Bündnisses zu erschließen. Diese COEs sind als Expertenzentren bzw. Kompetenzzentren gedacht. Sie sollen auf speziellen Gebieten neue operative Ansätze entwickeln, beziehungsweise bestehende Konzepte schnell und flexibel anpassen. Sie sind als militärischer "think tank" zu verstehen und sollen auch unkonventionelle, erfolgversprechende Denkansätze verfolgen. Bündnisweit sind bislang 18 dieser Kompetenzzentren akkreditiert beziehungsweise im Aufwuchs befindlich.

    Was die Marinen der NATO anbelangt, ist festzustellen, dass sich der Schwerpunkt maritimer Operationen deutlich von der hohen See in die Küstenregionen verschoben hat. Die Deutsche Marine verfügt über eine besondere Expertise der Einsatzführung in flachen Gewässern und Randmeeren, weil diese Seegebiete auch schon zu Zeiten des Kalten Krieges zu ihrem Kern-Operationsgebiet gehörten.

    So war es eigentlich nur logisch, dass im Führungsstab der Marine unter Führung des damaligen Inspekteurs der Marine der Entschluss reifte, ein Deutsches Maritimes Centre of Excellence aufzubauen, um im Umgestaltungsprozess der NATO aktiv mit zu wirken. Nachdem das Allied Command Transformation (ACT) in Norfolk, USA, diesem deutschen Angebot zugestimmt hatte, begann die detaillierte Planungsarbeit. Es waren ein Personalkonzept, infrastrukturelle Forderungen und konzeptionelle Grundlagen zu entwickeln. Dabei erforderte das Vorantreiben eines völlig neuen Konzeptes hin und wieder eine gewisse Beharrlichkeit und Durchsetzungsfähigkeit, um alle beteiligten Stellen von der Realisierbarkeit des Projektes zu überzeugen.

    Das COE wurde ab Oktober 2007 zunächst als nationale Dienststelle eingerichtet und im Gebäude der Einsatzflottille 1 untergebracht. Im Oktober 2008 wurden zwischen Deutschland, Griechenland, den Niederlanden, der Türkei und der NATO die Verträge hinsichtlich Funktion, Organisation, Personeller Besetzung sowie Finanzierung unterzeichnet. Damit wurde das COE auf ein multinationale Basis gestellt. Weitere Nationen haben Interesse bekundet, in naher Zukunft diesem Abkommen beizutreten. Im März 2009 erfolgte schließlich die Akkreditierung durch den NATO-Rat. Mit der eingangs erwähnten Zeremonie im Kieler Landtag ist dann der Aufbauprozess abgeschlossen, das COE CSW hat seine volle Arbeitsfähigkeit erreicht.

    Die Besonderheit des COE CSW ist seine Ableitung aus einer geografischen Definition. Dabei versteht man im Allgemeinen unter "confined waters" solche Seegebiete, in denen die Bewegungs- und damit die Operationsfreiheit von Seefahrzeugen durch die Geografie eingeschränkt ist. Unter "shallow waters" werden im Sprachgebrauch der NATO Seegebiete verstanden, die eine Wassertiefe von weniger als 200 Meter aufweisen. Allgemeiner gesprochen sind "Confined and Shallow Waters" Gebiete mit häufig stark zerklüfteten Küsten und zahlreichen Inseln. Oftmals sind Strömungen oder Gezeiten sowie enge und flache Fahrwasser charakteristisch. Diese Gegebenheiten verlangen besonders sicheres Navigieren und können die Leistung der Sensoren und Waffen stark beeinflussen. Darüber hinaus begibt man sich in Landnähe in den Bereich gegnerischer Aufklärung und Waffenwirkung; zudem steigt das Potenzial einer asymmetrischen Bedrohung an. Hohe Anforderungen werden auch an das teilstreitkraftgemeinsame Zusammenarbeiten und an die Kooperation mit anderen staatlichen und zivilen Institutionen gestellt. Diese Besonderheiten berücksichtigt das "Centre of Excellence" für seine Grundlagenarbeit vorwiegend auf operativer und strategischer Ebene. Dabei werden bereits existierende Konzepte für diese Randmeere weiterentwickelt und auch neue Verfahren entwickelt.

    Dies geschieht in dem multinational besetzen Expertenzentrum, in dem die bei den kooperierenden Nationen bereits vorhandene Expertise gebündelt und dem Bündnis verfügbar gemacht wird. Darüber hinaus wird das COE CSW bei der Planung und Durchführung von Operationen und Übungen in den genannten Seegebieten beratend zur Verfügung stehen. Weitere "Centres of Excellence" werden im Rahmen des COE-Netzwerkes mit der besonderen Expertise unterstützt. Auf der taktischen und operativen Ebene wird die Ausbildung weiterentwickelt werden, dabei werden sowohl Ausbildungsunterlagen erstellt, als auch Seminare und Workshops beim COE CSW durchgeführt werden. Dieses Angebot wird sich vor allem an Kommandeure, Command Teams und Stabselemente der NATO-Kommandostruktur richten.

    Um dieses Kompetenznetzwerk noch zu erweitern, werden nicht nur zu anderen Bundeswehr- und NATO-Dienstellen Beziehungen aufgebaut, sondern auch zur Industrie. Durch den Informationsaustausch sollen so neue Impulse gegeben werden. Des Weiteren werden auch Kontakte zu zivilen wissenschaftlichen Instituten geknüpft, die auf verwandten Themenfeldern tätig sind. Eine Aufgabe des COE CSW ist es, alle diese Quellen zusammenzufassen und in die Weiterentwicklung von Konzepten und Verfahren einfließen zu lassen. Durch die Teilnahme von NATO- und Partnernationen soll dieser Informationsverbund im multinationalen Rahmen noch erweitert werden.

    Das COE CSW ist dem Direktor, Flottillenadmiral Rainer Brinkmann, unterstellt, der in einer dualen Funktion auch den Befehl über die Einsatzflottille1 in Kiel inne hat. Diese personelle Verflechtung sowie die räumliche Nähe zur Einsatzflottille bewirkt eine enge Zusammenarbeit der beiden Dienststellen. Über die Arbeitsschwerpunkt des COE sowie organisatorische und finanzielle Angelegenheiten entscheidet ein Lenkungsausschuss, in dem alle teilnehmenden - und damit das COE finanzieren - Nationen Sitz und Stimme haben. Das COE ist nicht Teil der NATO-Kommandostruktur, das ACT hat keine kommandierende, sondern eine fachlich koordinierende Funktion inne.

    Die Bundesrepublik Deutschland als gastgebende Nation stellt die Infrastruktur zur Verfügung. Das COE CSW ist eine eigenständige, selbst budgetierte Dienststelle, die sich durch Beiträge der teilnehmenden Nationen finanziert. Es wird in der Zielstruktur über einen Personalumfang von ca. 45 Personen verfügen. Ein hoher Anteil der Dienstposten wird dann multinational besetzt sein.

    Der Stab ist in drei Fachabteilungen und eine Stabsgruppe gegliedert und projektorientiert um Sinne einer Matrixorganisation strukturiert:

    - Die erste Abteilung trägt die Bezeichnung "Weiterentwicklung und externe fachliche Vernetzung"; sie entwickelt Konzepte, bewertet operative Rahmenbedingen und analysiert zukünftige   Einsatzerfordernisse. Sie hält für das COE einen engen Kontakt zu nichtmilitärischen Organisationen, Forschungs- und Entwicklungsinstituten und zur wehrtechnischen Industrie.

    - Die Abteilung "Analyse und Implementierung" erprobt und bewertet Doktrinen, Konzepte und Verfahren experimentell in Simulationen, Übungen und Manövern. Diese Abteilung führt auch Seminare und Workshops durch und trägt so zur Schulung von Verbandsführern, Stabsführungsgruppen und Stabselementen bei.

    - Die Abteilung "Einsatzgrundsätze" besteht aus den sogenannten "Subject Matter Experts". Dies sind Spezialisten in ihrem jeweiligen Fachgebiet im Bereich des CSW, die ihre spezifische Expertise in die Projekte des COE einbringen.

    Das Aktuelle Arbeitsprogramm des COE CSW umfasst folgende Schwerpunkte:

    Zwei Long-Term Capability Requiremen Studies (LTCR) der NATO wurden federführend an das COE CSW übergeben: - "Counter Underwater Threats" (countering mobile underwater threats, including sub-surface vehicles, swimmers and torpedoes)und - "Counter Naval Mines"

    Ein weiterer wesentlicher Arbeitsbereich ist die Thematik "Unit-/Force- Protection" mit den Teilgebieten: - Schutz von Einheiten und Verbänden - Schutz von MCM Operationen - Schutz von Häfen und Wasserstraßen - Analyse der "Harbour Protection Trials" (HPT08).

    Arbeitsgruppen am COE CSW befassen sich mit dem "Deployment of Unmanned Vehicles Systems by Submarines and MCMV", Anti-Piraterie-Maßnahmen sowie mit Speed-Boat Operationen. Darüber hinaus beteiligten sich Angehörige des COE aktiv an zahlreichen nationalen und internationalen Tagungen, Konferenzen und Workshops, die für das COE relevante Themen zum Inhalt hatten.

    Viel Beachtung in der NATO erbrachte die durch das COE im Oktober 2008 veranstaltete Konferenz "CSW Con08". Hier wurden unter Beteiligung hochrangiger Teilnehmer aus Forschung, Industrie und Militär die besonderen operativen Rahmenbedingungen in Confined and Shallow Waters bewertet und Lösungsansätze zur Unterstützung spezifischer Operationen in CSW-Gebieten diskutiert.

    Auch im Herbst 2009 ist wieder die Veranstaltung einer Konferenz in Kiel zu den Arbeitsschwerpunkten des COE CSW geplant.

    Bereits während der Aufstellung und Akkreditierung der Dienststelle wurde mit der Arbeit an den für die NATO wichtigen Themen begonnen, so dass bereits nach sehr kurzer Aufbauphase die volle Arbeitsfähigkeit als multinationaler Expertenzentrum hergestellt war und erste Ergebnisse den NATO-Arbeitsgruppen vorgelegt werden konnten. Mit diesem "fliegenden Start" hat sich das COE CSW exzellent in die NATO-Community eingeführt und wird nun als vollwertiger Partner im Netzwerk der NATO-Kompetenzzentren und Forschungseinrichtungen angesehen.

    Autor: Fregattenkapitän Matthias Faermann

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