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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Turbo-Abi

Bielefeld (ots) - »Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir!« Aber was, wenn das Leben wegen des Lernens zu kurz kommt, möchte man dem Urheber der Zeilen, dem römischen Philosophen Seneca, zurufen. Der wusste noch nichts von G8. Das Turbo-Abi fordert Kindern und Eltern eine Menge ab, jeden Tag. Und nicht immer ist klar, wofür das alles. Die Einführung der verkürzten Gymnasialzeit im Jahr 2005 war ein unüberlegter Schnellschuss. Das gestehen heute sogar die Befürworter ein. Die schnellstmögliche Zurverfügungstellung von »Humankapital« für die Wirtschaft sollte so gelingen. Welch ein Trugschluss! Jetzt haben wir den Salat und in der Verwirrung des 16-stimmigen Bildungsföderalismus ebenso vieler Bundesländer ist der Ruf nach der Rolle rückwärts nicht zu überhören. Auch in NRW. Denn immer mehr Eltern sind der Ansicht - um bei Seneca zu bleiben -, dass die Sache mit dem Lernen und Leben aus der Balance geraten ist. Wenn Sportvereine, wie jetzt in Gütersloh geschehen, mit Geldprämien um junge Mitglieder werben, da diese wegen Freizeitmangels fernbleiben, sollte das zu denken geben. Wenn Musikschulen beklagen, dass immer weniger Kinder ein Instrument erlernen, nicht minder. Also Entschleunigung statt Turbo-Abi? Alles wieder auf Anfang? Das Nachbarland Niedersachsen sucht darin sein Heil. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusehen, dass auch das wieder für Unruhe an den Schulen sorgen wird. Neue Lehrpläne, neue Unterrichtsmaterialien, neuer Personalbedarf. Dabei müsste ein Abitur nach acht Jahren Gymnasialzeit eigentlich möglich sein. Ganz Europa macht es Deutschland vor. Nirgends sonst gibt es diese Debatte. Und dass der Rest des Kontinents klüger ist, kann man nun nicht behaupten. Der Unterschied: Die Ganztagsschule, ohne die G 8 nicht funktioniert, ist in den meisten Ländern seit jeher Standard. In Deutschland hat man hingegen versucht, mit der typischen Gründlichkeit alles auf einmal umzusetzen: Ganztag, G 8 und zuletzt noch die Inklusion obendrauf. Damit werden alle Beteiligten überfordert. Überforderung ist ein Stichwort, das für eine andere Entwicklung steht, die in der Debatte zu kurz kommt. Das Abitur gilt in weiten Kreisen mittlerweile als ein Muss. Immer mehr Eltern melden ihre Kinder am Gymnasium an in der Sorge, ohne Hochschulreife und Studium sei ihr Nachwuchs zum Scheitern verurteilt. Aber gerade das droht vielen, die mit dem stetig wachsenden Gymnasiastenheer nicht mitkommen. Was ist also zu tun? Wenn es beim G 8 bleiben sollte - und trotz »Runden Tisches« und G 9-Modellversuchen sieht es danach aus - muss der vielfach angekündigten Entrümpelung der Lehrpläne endlich die Tat folgen, muss die Durchlässigkeit zur Realschule wieder hergestellt werden. Und Eltern sollten daran denken, dass Bildung mehr ist als Schule. Das wusste schon Seneca.

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