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17.01.2013 – 20:00

Westfalen-Blatt

Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu "Katholische Kliniken weisen Vergewaltigte ab"

Bielefeld (ots)

Die Nachricht verschlägt einem die Sprache. Zwei katholische Krankenhäuser verweigern einem Vergewaltigungsopfer die Hilfe, weil sie nicht über die »Pille danach« aufklären wollen. Sie setzen ihre Grundsätze über die Bedürfnisse der Frau. Die katholische Kirche muss sich nach diesem Vorfall nicht wundern, wenn sich Menschen von ihr abwenden. Man mag sich nicht (und kann es auch nicht) in die Situation der Frau hineinversetzen. Sie befindet sich in einer Notlage, in der wohl schlimmsten, die einer Frau widerfahren kann. Sie braucht Hilfe. Schnell. Unbürokratisch. Unideologisch. In diesem Moment geht es um nichts anderes als ihr Wohl und ihre Bedürfnisse. Wenn sie die Pille danach einnehmen möchte, dann soll sie es auch können. Zumindest in diesem Moment sollte sie und nur sie darüber entscheiden können, was mit ihr passiert. Abtreibungsgegner sehen das natürlich anders. Doch es war offenbar ein anderes Motiv, das die Ärzte in den beiden Krankenhäusern davon abhielt, der Frau zu helfen: die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Die Ärzte befanden sich in einer tragischen Situation: Einerseits sind sie ihrem Arbeitgeber und dessen Vorschriften verpflichtet. Andererseits müssen sie sich bestmöglich um das Wohl ihres Patienten bemühen. Hätten sie das Gespräch über die »Pille danach« verweigert, weil sie die Verschreibung nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können, hätte man ihre Entscheidung vielleicht noch nachvollziehen können. Welche Beweggründe auch immer vorlagen: Die Ärzte hätten die Frau sofort in ein anderes Krankenhaus verlegen müssen. Dorthin, wo ihr jede Hilfe, die sie möchte, zuteil wird - inklusive der »Pille danach«. Auch das taten sie nicht. Es ist unbarmherzig, Opfern von Vergewaltigung nicht die Hilfe zukommen zu lassen, die sie wünschen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass Glaubensgrundsätze und nicht menschliche Bedürfnisse im Vordergrund standen, selbst wenn es sich, wie das Erzbistum Köln sagt, um einen »bedauerlichen Einzelfall« handelt. Immer weniger Menschen wollen Priester werden, immer mehr treten aus der Kirche aus. Viele fühlen sich in ihrer Lebenswirklichkeit nicht mehr von der Kirche angenommen, gerade was die Haltung zur Sexualität betrifft. Die katholische Kirche kann und sollte ein Zuhause für viele Menschen sein, ein Ort, an dem sie ihren Glauben erleben, an dem sie Gemeinschaft erfahren und Nächstenliebe ausüben. Die Entscheidung einer Frau, die sich in einer Notlage befindet, gilt es zu respektieren - selbst wenn ein ethisches Dilemma vorliegt. Eigenverantwortung ist ein Ausdruck von Menschenwürde - unabhängig davon, ob eine Frau sich für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch entscheidet. Dass ein Instrument des Arbeitsrechs, nämlich die Androhung einer fristlosen Kündigung, eingesetzt wird, ist der Gipfel einer ohnehin schon traurigen Geschichte.

Pressekontakt:

Westfalen-Blatt
Nachrichtenleiter
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 - 585261

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