Albert-Schweitzer-Verband der Familienwerke und Kinderdörfer
Presseinformation: Warum staatliche Finanzierung in der Kinder- und Jugendhilfe nicht ausreicht
Ein Dokument
Internationaler Tag der Wohltätigkeit am 5. September 2026:
Kinder- und Jugendhilfe braucht private Spenden.
Warum staatliche Finanzierung allein nicht ausreicht.
Private Spenden tragen in Deutschland an vielen Stellen soziale Angebote maßgeblich mit. Gregor Bärsch vom Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Sachsen erklärt, warum es auch in der Kinder- und Jugendhilfe einen Dreiklang aus staatlicher Verantwortung, Spenden und Ehrenamt braucht. „Eine staatliche Vollkaskomentalität können wir uns als Gesellschaft schlicht nicht leisten. Aber wenn wir Kindern echte Zukunftsperspektiven geben wollen, dürfen wir uns auch nicht auf eine reine Grundversorgung beschränken.“
Berlin, 3. September 2026. Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen brauchen mehr als Betreuung und Versorgung. Sie brauchen gesellschaftliche Teilhabe, individuelle Förderung und verlässliche Zukunftsperspektiven. Doch genau dafür reichen die öffentlichen Mittel der Kinder- und Jugendhilfe in der Praxis häufig nicht aus. Darauf weist Gregor Bärsch, Geschäftsführer des Albert-Schweitzer-Kinderdorfes in Sachsen e.V., zum Internationalen Tag der Wohltätigkeit am 5. September hin. „Spenden finanzieren nicht einfach ein paar Extras. Sie schaffen Möglichkeiten, die für die Entwicklung und Zukunftschancen junger Menschen entscheidend sein können“, betont Bärsch.
Welche Bedeutung private Hilfsbereitschaft in Deutschland hat, zeigt die aktuelle „Bilanz des Helfens“ des Deutschen Spendenrats: Demnach spendeten Privatpersonen im Jahr 2025 rund 4,65 Milliarden Euro1. Gegenüber dem Vorjahr ging das dort erfasste Spendenvolumen um neun Prozent zurück. Für Bärsch lenkt diese Entwicklung den Blick auf eine grundsätzliche Frage: Welche Leistungen muss der Staat verlässlich gewährleisten und welche Rolle übernimmt private Hilfsbereitschaft dort, wo öffentliche Finanzierung allein nicht ausreicht?
Für Bärsch ist die Antwort eindeutig: Der Schutz und die notwendige Unterstützung von Kindern und Jugendlichen sind öffentliche Aufgaben. Die Praxis zeige jedoch, dass staatliche Finanzierung nicht alle Bedarfe abdeckt, die für ein gutes Aufwachsen entscheidend sind. Genau an dieser Stelle gewinnen private Spenden an Bedeutung.
Was ist Grundversorgung und was ist ein normales Kinderleben?
Die öffentlichen Leistungen für die stationäre Kinder- und Jugendhilfe sichern Betreuung und Versorgung. Viele Dinge, die für Kinder außerhalb der Jugendhilfe selbstverständlich zum Aufwachsen gehören, müssen jedoch über private Spendenmittel bereitgestellt werden, weil die staatlichen Mittel echte Teilhabe nicht ermöglichen. Das beginnt bei Einschulung, Klassenfahrten oder Geburtstags- und Weihnachtsgeschenken und reicht bis zu Vereinsmitgliedschaften, Hobbys oder individueller Mobilität. „Für ein Weihnachtsgeschenk stehen bei uns beispielsweise 25 Euro aus öffentlichen Mitteln zur Verfügung. Ein Fahrrad, mit dem ein Kind zur Schule fahren oder Freunde besuchen kann, muss als zusätzliche Leistung beantragt oder anderweitig finanziert werden“, führt Bärsch beispielhaft an.
„Wir dürfen uns nicht mit der Frage zufriedengeben, ob ein Kind versorgt ist. Entscheidend ist doch, ob es die gleichen Chancen auf Teilhabe und Entwicklung bekommt wie andere Kinder auch“, sagt Bärsch. Die jungen Menschen, die in der Kinder- und Jugendhilfe betreut werden, hätten sich ihre Lebenssituation nicht ausgesucht. „Kein Kind hat davon geträumt, einmal in einem Kinderdorf zu leben. Deshalb müssen wir alles daransetzen, dass aus einer schwierigen Ausgangslage nicht automatisch eine benachteiligte Zukunft wird.“
Wie entscheidend vermeintliche Zusatzleistungen dafür sein können, zeigt ein Beispiel aus dem Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Sachsen. Eine Jugendliche möchte eine Ausbildung im Rettungsdienst beginnen. Dafür benötigt sie einen Führerschein. Finanziert wurde dieser aus Spendengeldern. Was auf dem Papier zunächst wie eine zusätzliche Ausgabe erscheint, wird zur konkreten Voraussetzung für eine berufliche Perspektive.
Ähnlich verhielt es sich bei einem Mädchen, das innerhalb seiner Familie sexualisierte Gewalt erfahren hatte und therapeutische Hilfe benötigte. „Die Aufnahme einer Therapie wurde aus Kostengründen immer wieder zeitlich verschoben. Erst zusätzliche Spendengelder machten die notwendige Unterstützung möglich“, erinnert sich Bärsch.
„Spendenmittel schaffen oftmals die Voraussetzungen, die ein junger Mensch braucht, um sein Leben später selbstbestimmt gestalten zu können. Wer heute an diesen Perspektiven spart, riskiert, dass junge Menschen auch später auf Unterstützung angewiesen bleiben. Gute Kinder- und Jugendhilfe ist deshalb keine kurzfristige Kostenfrage, sondern eine Investition in die Zukunft.“
Verlässliche Beziehungen brauchen verlässliche Strukturen
Die Bedeutung von Spenden zeigt sich nach Erfahrung des Albert-Schweitzer-Kinderdorfes in Sachsen nicht erst bei einzelnen Leistungen. Die öffentliche Finanzierung stationärer Hilfen ist wesentlich an die tatsächlich belegten Plätze gekoppelt. Bleiben Plätze zeitweise frei, sinken die Einnahmen, während Personal, Gebäude und andere Kosten weiterhin anfallen. Spendengelder schaffen hier zusätzliche Planbarkeit: Sie helfen, Arbeitsplätze und Angebote auch über Phasen temporärer Unterbelegung hinweg zu sichern.
Die laufenden Zahlungen der Jugendämter bieten nach Bärschs Erfahrung zudem keine ausreichende Grundlage, um beispielsweise den Bau neuer und dringend benötigter Kinderdorfhäuser vorzufinanzieren. In diesen Häusern leben Hauseltern dauerhaft mit den ihnen anvertrauten Kindern zusammen. Nach Erfahrung Bärschs ist diese familienanaloge Betreuung im laufenden Betrieb sogar kostengünstiger als eine stationäre Betreuung im Schichtdienst. Sie erfordert allerdings andere Voraussetzungen, die zunächst finanziert und langfristig abgesichert werden müssen. Private Mittel können deshalb bereits erforderlich sein, bevor das erste Kind in ein neues Kinderdorfhaus einzieht.
Warum es den Dreiklang aus Staat, Spenden und Ehrenamt braucht
Für Bärsch folgt daraus keineswegs die Forderung, sämtliche Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe vollständig aus öffentlichen Mitteln zu finanzieren. Vielmehr sieht er Kinderhilfe als gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe. Dafür brauche es einen Dreiklang aus staatlicher Verantwortung, privater Spendenbereitschaft und ehrenamtlichem Engagement.
„Der Staat muss den Schutz und die notwendige Unterstützung von Kindern verlässlich gewährleisten. Gesellschaftliches Engagement kann und muss diese Verantwortung aber ergänzen“, sagt Bärsch und fügt hinzu: „Eine staatliche Vollkaskomentalität können wir uns als Gesellschaft schlicht nicht leisten. Aber wenn wir Kindern echte Zukunftsperspektiven geben wollen, dürfen wir uns auch nicht auf eine reine Grundversorgung beschränken.“
Entscheidend sei deshalb auch, Kinder- und Jugendhilfe nicht ausschließlich unter kurzfristigen Kostenaspekten zu betrachten. Investitionen in Bildung, therapeutische Unterstützung, gesellschaftliche Teilhabe oder den Weg in ein selbstständiges Berufsleben können darüber entscheiden, welche Chancen junge Menschen später haben.
Ziel müsse eine möglichst weitgehende Gleichstellung mit Kindern und Jugendlichen sein, die in ihren Familien aufwachsen und dort Unterstützung erhalten: bei der Klassenfahrt ebenso wie beim Hobby, bei wichtigen Anschaffungen oder beim Start ins Berufsleben.
Aus Hilfsbereitschaft wird langfristige Verantwortung
Der Internationale Tag der Wohltätigkeit lenkt damit den Blick auf mehr als das jährliche Spendenaufkommen. Gerade dort, wo öffentliche Finanzierung nicht alle Bedarfe abdeckt, schaffen private Spenden Spielräume für Teilhabe, individuelle Förderung und langfristige Strukturen. Dass das in der „Bilanz des Helfens“ erfasste Spendenvolumen 2025 um neun Prozent zurückgegangen ist, betrachtet Bärsch deshalb mit Sorge.
„Auch in Deutschland gibt es Kinder in Not. Das müssen wir als Gesellschaft stärker wahrnehmen. Wenn öffentliche Mittel nur begrenzte Spielräume lassen und gleichzeitig die Spendenbereitschaft zurückgeht, kann das langfristig auch die Strukturen gefährden, die Kindern verlässliche Perspektiven geben“, warnt Bärsch. „Wir sind dankbar für die große Unterstützung, die unsere Arbeit seit vielen Jahren trägt. Damit wir Kindern auch künftig mehr als Betreuung und Versorgung bieten können, braucht es weiterhin Menschen, die bereit sind, gesellschaftliche Verantwortung mitzutragen.“
Über die Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke
Seit 69 Jahren unterstützen die Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke hilfsbedürftige Menschen in Deutschland. Der Bundesverband koordiniert zehn Mitgliedsvereine, die bundesweit rund 500 Einrichtungen betreiben. Mehr als 2.500 Mitarbeiter*innen sorgen täglich dafür, dass Kinder, Jugendliche und Familien ein sicheres, förderliches Umfeld erhalten.
[1] Deutscher Spendenrat e.V., Bilanz des Helfens 2025
Angebot für redaktionelle Hintergrundgespräche:
Gregor Bärsch, Geschäftsführer Albert-Schweitzer-Kinderdorf in Sachsen e.V.
T: +49 (0351) 32 03 51 30 | E-Mail: baersch@kinderdorf-online.de
Weitere Informationen und Kontakt:
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