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04.10.2013 – 20:30

Neue Westfälische (Bielefeld)

Neue Westfälische (Bielefeld): KOMMENTAR Feiertagsreden und Flüchtlingselend Niemand ist eine Insel STEFAN SCHELP

Bielefeld (ots)

Brauchen wir eigentlich Sonntagsreden? Brauchen wir einen, der uns am Tag der Deutschen Einheit die Leviten liest? Den gelernten Pastor aus dem Osten? Einen, der gerade erst bekannt hat, müde zu sein? Ja doch, den brauchen wir. Wer, wenn nicht der Bundespräsident soll uns denn ins Gewissen reden? Wann, wenn nicht an Weihnachten, Neujahr oder eben zum Tag der Deutschen Einheit, soll uns das erreichen? "Niemand ist eine Insel" heißt ein Roman von Johannes Mario Simmel aus den 70er Jahren, der sich millionenfach verkauft hat. Niemand, erst recht nicht Deutschland, ist eine Insel. Das muss man heute hinzufügen, auch wenn sich diese Erkenntnis vielleicht nicht so gut verkauft wie der Simmel-Bestseller. Gauck tut gut daran, uns diesen Fakt in Erinnerung zu rufen. Deutschland hat Verantwortung. Und Deutschland muss sie wahrnehmen. Nicht als Besserwisser. Nicht mit Beherrschungsanspruch. Aber auf der Erkenntnis fußend, dass mögliche Mitstreiter wie Frankreich, Italien oder Großbritannien so sehr mit sich selbst und ihren Problemen beschäftigt sind, dass sie als Partner praktisch ausfallen. Am besten, wir fangen direkt mit dem Übernehmen von Verantwortung an. Der Anlass ist traurig genug. Wie lange müssen noch Menschen vor der Küste von Lampedusa jämmerlich ertrinken? Wie lange noch wollen wir uns das unsägliche Leid der Flüchtlinge ansehen, die ihrer Heimat den Rücken zukehren, in der Hoffnung, in Europa ein sichereres Leben führen zu können? Und wie lange noch wollen wir kriminellen Schlepperbanden erlauben, mit ihrem schmutzigen Handwerk reich zu werden? Der Flüchtlingsstrom aus Afrika ist nach dem Scheitern des arabischen Frühlings enorm angeschwollen. Tag für Tag machen sich Menschen in Kähnen, die nicht seetauglich sind, auf den Weg nach Europa. Immer wieder saufen diese Kähne ab, ertrinken Menschen im Mittelmeer. Meistens erfahren wir das nicht einmal. Wahrscheinlich auch deshalb, weil die Kapitäne von Handelsschiffen oder Schnellbooten ihrer Mannschaft den militärischen Befehl "Augen rechts" geben, wenn links eine Schaluppe untergeht. Sie wollen nicht den Ärger mit Behörden oder Reederei. Angesichts vieler dutzender blauer Leichensäcke, die im Hafen von Lampedusa aufgereiht liegen, wird deutlich, dass die europäische Flüchtlingspolitik gescheitert ist. Es macht nicht länger Sinn, die südeuropäischen Grenzen von der Frontex-Truppe "verteidigen" zu lassen. Die europäische Flüchtlingspolitik passt angesichts des allgegenwärtigen Leids in Syrien, in Äthiopien, Somalia oder Eritrea nicht länger in die Zeit. Sie zu reformieren, ist auch eine Aufgabe Deutschlands. An der Rede des Bundespräsidenten zur deutschen Verantwortung kann man sich reiben. Man kann, man darf anderer Meinung sein. Natürlich. Aber mit einer Diskussion allein ist noch nichts gewonnen. Jetzt müssen Taten folgen. Damit nicht das Sterben unendlich weitergeht.

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