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Der Impf-Gipfel muss liefern
Der Staat darf sich von Pharma-Konzernen nicht auf der Nase herumtanzen lassen. Nur mit den versprochenen Dosen lässt sich Vertrauen zurückgewinnen. Von Kristina Dunz

Regensburg (ots)

Für die Bekämpfung der Corona-Krise muss oft die Metapher Marathon herhalten. Das ist aber untertrieben. Denn diesen langen Lauf tritt normalerweise nur an, wer hart dafür trainiert hat. Die Corona-Pandemie hingegen muss aus dem Stand gemeistert werden. Es gibt keine Übung, keinen Testlauf. Die Erkenntnis kommt erst Schritt für Schritt. Deshalb fußen Ankündigungen von Politikern auch eher auf Plänen und Prognosen als auf Wissen.

Bund und Länder machen nach gemeinschaftlicher Rückkoppelung mit den Herstellern nun einen neuen Anlauf für eine Strategie, wie erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik in Rekordzeit fast die gesamte Bevölkerung gegen das Corona-Virus geimpft werden kann. Aber auch der schönste nationale Impfplan nützt wenig, wenn nicht einmal die Terminvergabe klappt, ganz zu schweigen von Lieferkürzungen der Hersteller.

Damit der Impf-Gipfel der Kanzlerin und Länderregierungschefs und -chefinnen mit Pharmafirmen keine Symbol-Politik bleibt, muss bei aller schon bisherigen Kraftanstrengung jetzt dies dringend obendrauf gesattelt werden: Verbindlichkeit, Verlässlichkeit, Vertrauen. Auf allen Ebenen.So sensationell schnell Biotechnologieunternehmen derzeit einen Impfstoff entwickeln und produzieren und dafür bejubelt werden können - auch sie sind (jetzt schwer verdienende) Wirtschaftsbetriebe, die sich an Verträge halten - oder andernfalls konsequent zur Rechenschaft gezogen werden müssen. In dieser hochsensiblen Frage können versprochene Impfdosen nicht mal eben ausbleiben, weil die Firmen plötzlich andere Prioritäten setzen. Es geht nicht um Schuhe oder Autos, es geht um einen Stoff, der über Leben und Tod entscheiden kann. Das wissen die Hersteller selbst am besten.

Hotlines, die stunden- und sogar tagelang nicht zu erreichen sind, brechen das Versprechen, dass es bei Anruf wenigstens Hilfe gibt. Wenn auch noch keinen Termin, weil entgegen der Erwartung, dass jetzt alle über 80-Jährigen geimpft werden, nicht genügend Impfstoff vorhanden ist. Und Politikerinnen und Politiker sollten zugleich deutlich machen, dass ihre Grundlage für Entscheidungen vorerst keine Gewissheit ist. Denn es gibt weiterhin viele Unbekannte: Bleibt es wirklich bei den Impfstoff-Lieferungen im zweiten Quartal? Decken die Impfstoffe Mutationen ab? Wie schnell werden die ausgefallenen Impftermine nachgeholt? Wird es parallel dazu zusätzliche Termine geben? Funktionieren die Hotlines dann besser? Die von Bund und Ländern geweckte Erwartung eines schnellen Impfstarts wurde bitter enttäuscht. Mit der Unzuverlässigkeit von Pharmaunternehmen konnte die Politik vielleicht nicht rechnen, aber sie muss und kann ihnen Druck machen, wie es der Fall Astrazeneca zeigt.

Das nächste heikle Thema werden möglichst schnelle Lockerungen der Anti-Corona-Maßnahmen bei sinkenden Zahlen der Neuinfektionen und steigenden Zahlen der Impfungen sein. Es ist noch gar nicht sicher, dass Geimpfte die Krankheit nicht übertragen können, da sprechen schon die ersten Spitzenpolitiker von Privilegien für sie. Sollte es dazu kommen, dass sie mehr Freiheiten bekommen werden als Nicht-Geimpfte, besteht die Gefahr, dass die Kurve der Neuinfektionen - vor allem wegen des aggressiveren mutierten Virus - wieder nach oben schnellt.

Um im Bild zu bleiben: Ein Marathon aus dem Stand ist eine brutal harte Prüfung. Und jeder Rückschlag kostet zusätzlich Kraft. Der Impf-Gipfel muss dazu dienen, die durch Irritation der Bürgerinnen und Bürger schon zu Beginn verpulverte Energie zurückzugewinnen und die bevorstehenden Anstrengungen zu skizzieren. Wem die Länge der Strecke bewusst ist, sprintet nicht wild drauf los. Ein Marathon ist schließlich auch Kopfsache.

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