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Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel zum Jahrestag des "Schwarzen Montag": Angriff auf die Algorithmen

Regensburg (ots)

Es war, als würden die Zuschauer eines voll besetzten Theaters versuchen, durch einen einzigen Ausgang nach draußen zu gelangen", hat ein US-Finanzprofessor den "Schwarzen Montag" von 1987 beschrieben. Übersetzt ins Jahr 2012, wäre der Ausgang bereits verschlossen, noch ehe sich der erste Theatergast überhaupt erhoben hätte - "Flash Crash" lautet das Stichwort heute. Der Begriff für das blitzartige Abstürzen von Börsenkursen wurde vor zwei Jahren kreiert, als der größte Aktienindex der Welt Dow Jones knapp zehn Prozent seines Wertes verlor - binnen weniger Minuten. Ursache war wohl eine Computerpanne. Seitdem folgen im Abstand von wenigen Wochen an den Weltbörsen immer wieder Pleiten und Pannen, die nichts mit Pech, sondern ausschließlich mit dem Computerhandel zu tun haben. Es geht um programmierte Handlungsanweisungen, sogenannte Algorithmen, die in Bruchteilen von Sekunden Kauf- und Verkaufsaufträge an die Börsen senden und so die Kurse beeinflussen. Betroffen davon ist alles, was elektronisch handelbar ist: Aktien, Zinsen, Währungen, Rohstoffe - mit Schadenshöhen, die dreistellige Millionenbeträge erreichen können. Ein aktueller Fall ging als "kürzester Börsengang aller Zeiten" in die Finanzgeschichte ein. Ende März musste das Unternehmen Bats sein Debüt als Aktiengesellschaft beenden, weil der Aktienkurs von 15 Dollar auf unter 30 Cent gefallen war - in weniger als einer Sekunde. Zynisch wird der Fall, wenn man den Geschäftsgegenstand betrachtet: Bats ist die drittgrößte elektronische Handelsplattform der USA. Das Bats-Fiasko ist für Marktbeobachter jedoch kein Anlass zu Häme, sondern vielmehr zu Besorgnis, dass beim Angriff der Algorithmen die nächste Stufe der Eskalation erreicht ist. Wurde bisher versucht, sich zwischen Angebot und Nachfrage zu drängen, um die zweite oder dritte Stelle hinterm Komma zum eigenen Vorteil auszunutzen, geht der Trend nun offenbar zum Frontalangriff auf missliebige Marktteilnehmer über. Aktuell prüfen Börsenaufsichten Algorithmen, die Handelssysteme verstopfen oder die Internet-Bandbreiten von Börsenplätzen schmälern - ob damit bereits Profite gemacht, oder nur die Möglichkeiten getestet werden, ist selbst für IT-Experten nur schwer zu durchschauen. Mit dem traditionellen und von Otto Normalanleger erwarteten, transparenten Handel haben diese Exzesse natürlich nichts mehr zu tun. Die Rechtfertigungen der Lobbyisten von "Liquidität" und "Preiseffizienz" sind so fehl am Platz, wie die Frage nach dem gesellschaftlichen Nutzen des Computerhandels, die auch immer wieder ins Spiel gebracht wird. Während die Geschwindigkeiten und Amplituden der Kursausschläge von einst und heute keinen Vergleich zulassen, gibt es zwischen dem Handel zu Zeiten des "Schwarzen Montags" und heute durchaus Parallelen: eine mangelhafte Regulierung. Damals, vor 25 Jahren, gingen die Verkaufsaufträge "waschkörbeweise ein", wie sich Frankfurter Börsen-Urgestein Fiedel Helmer erinnert. Heute kann bei Hunderttausenden Datensätzen pro Minute die Börsenaufsicht im Falle einer Marktstörung gleich eine Spedition beauftragen, wenn es die Unterlagen sichten will. Zumindest kam in den vergangenen Wochen Bewegung in den Kampf gegen derartige Missbräuche. Deutschland und Frankreich engagierten sich hartnäckig für eine Allianz zur Besteuerung derartiger Transaktionen, die wie ein Tempolimit wirken soll. Mit Erfolg: Insgeamt elf EU-Länder planen, ab 2014 bei sich zuhause die so genannte "Tobin Tax" einzuführen. Abgewehrt ist damit der Angriff der Algorithmen nicht, höchstens der Schauplatz dafür verschoben. Für den Hochfrequenzhandel bleiben noch genug Tummelplätze, wie das Nicht-EU-Land Schweiz oder die City of London, die sämtliche Regulierungsbemühungen bisher erfolgreich blockierte. Dennoch könnte der Pakt zumindest ein Anfang werden, um den Vorwurf vieler Kleinanleger zu entkräften, dass Börsen nur noch Kasinos sind. Zusammen mit einem Signal institutioneller Anleger, ausschließlich auf gesicherten Börsenstandorten zu handeln, könnte aus der Steuer-Allianz der besagten elf EU-Länder tatsächlich eine Initiative werden, die dem Blitz-Handel den Stecker zieht. Autor: Von Roman Hiendlmaier

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