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Aachener Nachrichten: Bequem? Von wegen!/Gauck fordert ein Ende der deutschen Zurückhaltung/Von Marco Rose

Aachen (ots) - Da ist er mal wieder: der bequeme Deutsche. Gemütlich, ja faul wärmt er sich die Füße am heimischen Herd, während Amerikaner, Franzosen und Briten in aller Welt für unsere Sicherheit sorgen. Dieses Bild kennt man zur Genüge. Immer wieder wird die pazifistische Grundhaltung weiter Bevölkerungskreise als bloße Bequemlichkeit diffamiert - von jenen, die sich ein stärkeres Engagement der Bundesrepublik in den globalen Krisenherden wünschen.

Neu ist, dass ein Bundespräsident mit so deutlichen Worten für die Mobilisierung Deutschlands trommelt: Die deutsche Zurückhaltung müsse ein Ende haben, sagte Joachim Gauck gestern zum Auftakt der Münchener Sicherheitskonferenz. Er forderte einen "Mentalitätswechsel" und sprach wörtlich von "Weltabgewandtheit und Bequemlichkeit".

Worauf sich das Land in den kommenden Jahren einstellen müsse, hatte zuvor bereits Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen skizziert: deutlich mehr Bundeswehreinsätze im Ausland, auch und gerade auf dem afrikanischen Kontinent.

In einem Punkt haben beide Recht: Deutschland kann sicher nicht auf Dauer eine Insel der Glückseligen bleiben, wenn außerhalb Europas Armut und Chaos herrschen. Und ja, Deutschland und Europa brauchen endlich eine abgestimmte Afrika-Strategie. Wenn nicht aus humanitären Gründen, dann zumindest aus reinem Eigennutz: Damit sich nicht noch gigantischere Flüchtlingsströme anschicken, die "Festung Europa" zu stürmen.

Aber diese Strategie kann keine militärische sein. Sie muss vor allem darauf ausgerichtet sein, den wirtschaftlich am Boden liegenden Staaten Afrikas wieder auf die Beine zu helfen - mit Know-how, Geld und vielerlei Kooperationen. Dies ist die einzige Lösung, die dem noch immer von Kolonialismus und Ausbeutung gezeichneten Kontinent tatsächlich auf Dauer nützt.

Doch um ehrliche Hilfe geht es den westlichen Industriemächten in der Regel gar nicht. Frankreich etwa verfolgt in Afrika massive wirtschaftliche Eigeninteressen. Die französische Stromversorgung hängt stark von Uranimporten aus den zentralafrikanischen Krisengebieten ab. Auch die in Afrika geförderten "Seltenen Erden" sind für die westliche Industrieproduktion von größtem Interesse. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt! Der Zusammenhang zwischen Öl und dem US-Engagement im Nahen Osten bedarf ohnehin keiner weiteren Worte.

Eines haben alle Kriege und Interventionen der vergangenen Jahre gemein: Sie haben die Welt kein Stück sicherer gemacht. Im Gegenteil. Die US-amerikanische Kriegspolitik treibt immer mehr junge Menschen in Afrika, Asien und dem Nahen Osten in die Arme von Terroristen. Sie hat eine ganze Generation radikalisiert. Was fällt dem Bundespräsidenten zu dem Thema ein? Er geißelt die angebliche deutsche Bequemlichkeit, will den Neokolonialisten künftig ein "guter Partner sein". Es wäre wohl zu viel verlangt gewesen, das Staatsoberhaupt hätte den Blick stattdessen einmal auf die fragwürdigen deutschen Waffenexporte gerichtet. Dass auf aller Welt Menschen durch Technik "made in Germany" sterben, ist schließlich nicht unser Problem? Von wegen, Herr Präsident! Hier ist es die Politik, die es sich ziemlich bequem macht

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