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27.01.2012 – 18:26

Neue Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung

NRZ: Bevor alles vergessen ist - Kommentar zur Rede Marcel Reich-Ranickis. Von Rüdiger Oppers

Essen (ots)

Obwohl wir in Zeiten unentwegt herumfliegender Worthülsen leben, können politische Reden doch etwas bewegen. Es kommt darauf an, wer spricht. Marcel Reich-Ranicki hat uns gestern ins Gewissen geredet und viele Menschen berührt. Mit leiser Stimme hat er geschildert, wie wir Deutschen Tod, Unheil, Vernichtung über seine Familie und die Welt gebracht haben.

Das Gedenken an den Holocaust wird immer wichtiger. Auch weil es immer weniger Überlebende der Massenvernichtung gibt, die uns als Zeitzeugen daran erinnern können, dass es nur eine kleiner Schritt vom biederen Bürger zum Barbaren ist. Bevor alles vergessen ist, muss besonders in Schulen der Massenmord an den Juden wichtiges Thema bleiben. Klassenbesuche von Zeitzeugen sind wertvoller als alle Geschichtsbücher.

Marcel Reich-Ranicki, Opfer des deutschen Völkermords und dennoch Liebhaber und mitreißender Vermittler deutscher Literatur, hat eine große Rede gehalten. Er hat uns vorgelebt, wie nah der gute Geist der schönen Künste und das absolut Böse einander seien können. Als Begriff ist das Böse aus dem alltäglichen Denken und reden nahezu verschwunden und nur noch ein Fall für den Psychiater. In Deutschland, daran erinnert uns der Holocaust Gedenktag, hat das Böse gewütet wie nie zuvor.

Scham über die von unserem Volk verübten Verbrechen reicht nicht aus. Wachsamkeit ist auch 70 Jahren nach dem Beschluss der sogenannten Wannsee-Konferenz, die Juden in ganz Europa auszurotten, immer noch Bürgerpflicht. Eine aktuelle Umfrage hat ergeben, dass jeder fünfte Deutsche antisemitisch denkt. Niederschmetternd, aber viele Bürger sind eben "doitsch": dumm, fremdenfeindlich, rassistisch. Mit unserem, auch vom Bundespräsidenten gern verbreiteten, Selbstbild einer "Bunten Republik" hat die Wirklichkeit wenig zu tun. Es gibt einen aktiven Neonazismus, den wir durch die Duldung der NPD sogar steuerlich fördern müssen. Noch ist er, wie der Publizist Hendrik M. Broder schreibt, "ein Furunkel am Hintern der Demokratie".

Dass aber eine braune Terrortruppe geradezu unter den Augen der Verfassungsschützer zehn Jahre lang morden und brandschatzen konnte, ist ein ernstes Warnsignal das wir die Gefahr, die uns von rechts droht, sträflich unterschätzen.

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