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WAZ: Sterbende haben alle Hilfe verdient. Kommentar von Ulrich Reitz

Essen (ots) - Sterbehilfe kann man erlauben, verbieten oder als Problem ignorieren. Alle drei Haltungen sind feige, lebensfremd, unsozial und unmenschlich. Sie zu erlauben, weil die meisten Menschen inzwischen diese Freiheit verlangen, ignoriert die Risiken der Sterbehilfe: den Missbrauch wie den Irrtum. Eine Gesellschaft, die Sterbehilfe erlaubte, ignorierte den Unterschied zwischen liberal und scheinliberal. Der Tod würde weit mehr als heute unter privat-ökonomischen wie volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten bewertet. Und: Die Sterbemedizin kann inzwischen sehr viel tun, um einen Tod in Würde, also weitgehend schmerzfrei, möglich zu machen. Sie zu ignorieren verkennt, dass Sterbende, Verwandte und Ärzte Rechtssicherheit brauchen. Eines der gravierendsten Probleme zu ignorieren heißt, es durch Nicht-Lösen zu lösen. Das wäre zynisch. Sie zu verbieten, zwingt Verzweifelte in die Schweiz oder nach Holland. Wer wissen will, was das heißen kann, möge die preisgekrönte "Zeit"-Reportage von Bartholomäus Grill (www.waz.de/sterbehilfe) dazu lesen. Ihre Religion hilft einigen weiter, anderen nicht. Man kann glauben, der Mensch dürfe nicht nehmen, was Gott gegeben habe. Man kann aber auch, wie Hans Küng, glauben, dass Gott den Menschen die Freiheit zur eigenen Verantwortung gegeben habe, also auch die, über ihr Lebensende zu entscheiden. Und nun? Die Gesellschaft ist gespalten, die WAZ-Redaktion auch. Ich bin der Meinung, man muss versuchen, den Menschen ihre tiefe Angst zu nehmen. Mehr Sicherheit für Verzweifelte gibt es nach zwei Prinzipien. Unsere Gesellschaft sollte zuallererst mit dem nötigen Geld alles tun, um per Palliativmedizin zu helfen. Wer damit nicht mehr klarkommt, sollte wissen können, dass ihm geholfen wird, zu sterben. Das können Juristen in Paragrafen fassen. Ist Deutschland weit genug dafür? Ja, denn die offene Debatte ist kein Tabu mehr, sie läuft längst, und zwar sehr ernsthaft. Ein Missbrauch wie unter den Nazis ist heute ausgeschlossen. Letzte Sicherheit gibt es nicht. Darauf kann man mit Panik reagieren. Ich bin für Gelassenheit.

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