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WAZ: Besser volle als leere Kirchen - Leitartikel von Ulrich Reitz

Essen (ots) - Weihnachtschristen. Ein treffendes Wort. An Weihnachten sind die Kirchen voll, weil Menschen dorthin gehen, die im übrigen Jahr die Gotteshäuser meiden. Ist das schlecht, etwa, weil es nur von einem halbherzigen Glauben zeugt? An Weihnachten kann man in Kirchen sogar Atheisten antreffen. Und wenn dann Stille Nacht gesungen wird, kann man beobachten, wie auch ihnen die Tränen kommen. Sie sind gerührt. Aber warum? Die reine Vernunft wärmt eben nicht. Und die Vorstellung vom eigenen Ende als bloßem Nichts ist kalt wie eine Hundeschnauze. Also weshalb nicht wenigstens ein Mal im Jahr dieses warme, tröstliche Gefühl von Gemeinschaft, Communio, spüren, das Aufgehobensein hinter schützenden Kirchenmauern? Weihnachtschrist. Man sollte sich diese Sorte Mensch besser nicht als halbfertig, unvollendet, defizitär vorstellen. Sondern als zweifelnd, skeptisch. Als Menschen, die Dogmen weniger mögen als ihre Freiheit. Und die froh sind, nach Weihnachten diese von ihnen so empfundene Dogmenwelt auch wieder hinter sich lassen zu können. Gerade der Christenmensch hat doch seine Freiheit, wird der überzeugte Christenmensch einwenden. Sogar eine weitgehende Freiheit, nämlich selbst zur Sünde. Die kann, Einsicht vorausgesetzt, vergeben werden. Der Herrgott hat viel zu tun. Und weiter: Des Menschen Beziehung zu Gott ist doch seine Sache. Wäre es anders, wozu gäbe es ein gutes oder schlechtes Gewissen? Zum evangelischen oder katholischen Menschen gehört das Bekenntnis zur evangelischen und katholischen Gemeinde. Aber Christ kann man auch ohne Kirche sein. Es gibt Ausgetretene, die würden sich ihren Glauben niemals nehmen lassen. Sie treten aus der Kirche aus, nicht aus dem Glauben. In diesem Jahr sind viele Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten, aus Protest gegen fehlbare Kleriker, die die Ideale des Glaubens verraten haben. Und was denkt die Mehrheit, also die Dringebliebenen? Vielleicht beharren sie darauf, sich ihr Verhältnis zur Kirche nicht von versagenden Amtsinhabern bestimmen zu lassen. Wäre das Versagen Einzelner sozusagen kirchenstrukturell, müssten die Dinge anders beurteilt werden. Aber es gibt keine direkte Linie vom Zölibat zum Kindesmissbrauch. Fazit: Weihnachtschrist. Der Fundamentalist, der mit diesem Wort beleidigen will, wünscht sich eine Kirche von vollendeten Gläubigen herbei. Also eine leere Kirche.

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