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WAZ: 60 Jahre Volksrepublik China - Außen stark, innen verletzlich - Leitartikel von Gudrun Büscher

    Essen (ots) - Panzer, Raketenwerfer, Soldaten, ausgesuchte Chinesen im Gleichschritt - die Volksrepublik China hat zum 60. Jahrestag ihrer Gründung auf dem Platz des Himmlischen Friedens Stärke demonstriert. Vor dem übergroßen Bildnis von Mao Zedong, der hier die Volksrepublik ausrief, beschwor Chinas Präsident Hu Jintao die Einheit des Landes und seine glorreiche Zukunft.

      60 Jahre - das ist im geschichtsbewussten chinesischen
Zeitverständnis nicht einmal ein Wimpernschlag. Als sich die Briten
1947 die Herrschaft über Hongkong für 50 Jahre festschreiben ließen,
schmunzelten die Chinesen über den Kleingeist der Europäer und
feierten die Übernahme der britischen Kronkolonie 1997 als
gigantischen Triumph. Hongkong ist bis heute einer der Motoren für
Chinas rasante Entwicklung.

      Die Führung in Peking gibt sich selbstbewusst und feiert
inzwischen die Feste, wie sie fallen - auch, um sich selbst zu
inszenieren. Seit 60 Jahren regiert die Kommunistische Einheitspartei
mit eiserner Hand. Ein Staat, eine Partei, eine Meinung - zumindest
nach außen. Doch nicht nur das Land (1949 lebten 540 Millionen
Menschen in China, heute sind es 1,3 Milliarden), auch die KP hat
sich verändert. Der Kommunismus hat als Ideologie ausgedient. Das
Land sucht einen Weg zwischen Markt und Mao, lebt den Kapitalismus
und wird immer mächtiger. Als ständiges Mitglied im Sicherheitsrat,
größter Gläubiger der USA und drittgrößte Wirtschaftsmacht hat sich
China, seit Deng Xiaoping Wirtschaftsreformen einleitete, zur
Weltmacht gemausert. Die einzige neben den USA. Und sie wird
gebraucht - nicht nur als Vermittler in Nordkorea oder beim Druck auf
den Iran.

      Das macht den Umgang mit der Führung in Peking nicht leichter.
Denn auf ihrem Weg nach oben erlauben die Mächtigen keinen Blick
zurück. Die 30 Millionen Hungertoten beim fehlgeschlagenen Versuch
der Industrialisierung, die zig Millionen Verfolgten der
Kulturrevolution, die Millionen mundtot gemachten Intellektuellen,
die Opfer vom Platz des Himmlischen Friedens, die entrechteten
Tibeter und Uiguren werden unter einen gigantischen Teppich gekehrt.
Und wehe dem, der ihn anhebt.

      Das alles will gar nicht passen zum zur Schau gestellten
Selbstbewusstsein. Nach außen ist China stark, innen aber
verletzlich. Die Kluft zwischen Arm und Reich. Und nur solange es
wirtschaftlich bergauf geht, wird der Aufstiegswille der Chinesen als
gesellschaftlicher Kitt genügen. Doch die Sollbruchstellen sind
sichtbar.

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