Die deutsche Stimme von Ving Rhames: Interview mit Tilo Schmitz, der dem Hollywood-Star in der Doku-Reihe „History‘s Deadliest mit Ving Rhames“ seine Stimme leiht
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„Ich hoffe, Ving Rhames hat mich gespürt!“
Interview mit Synchronsprecher Tilo Schmitz, der deutschen Stimme von Hollywood-Star Ving Rhames (unter anderem zu hören in der Doku-Reihe „History’s Deadliest mit Ving Rhames“ des HISTORY Channels – alle zehn Episoden sind auf Abruf verfügbar sowie zusätzlich ab 6. August immer donnerstags um 20:15 Uhr auf dem HISTORY Channel)
München, 2. Juli 2026 – Hollywood-Star Ving Rhames („Pulp Fiction“, „Mission: Impossible“) führt als Moderator durch die zehnteilige Doku-Reihe „History’s Deadliest mit Ving Rhames“, die historische Ereignisse und Persönlichkeiten beleuchtet, deren Handeln von extremer Gewalt und verheerenden Folgen geprägt war. In der deutschen Fassung ist Tilo Schmitz zu hören. Der am 6. Juli 1959 in Radebeul geborene Schauspieler und Synchronsprecher ist für seine markante Bassstimme bekannt, mit der er unter anderem Ving Rhames seit Anfang der 1990er-Jahre synchronisiert.
Neben Ving Rhames sprach er unter anderem Ron Perlman, Dave Bautista, Abraham Benrubi und den verstorbenen Michael Clarke Duncan. Seit 1999 synchronisiert er zudem Kater Karlo und den Esel I-Aah in verschiedenen Disney-Produktionen. Hörspielfans kennen ihn außerdem als Mafiaboss Solo Morasso aus der Reihe „Geisterjäger John Sinclair“.
Herr Schmitz, Sie sind der deutsche Stamm-Synchronsprecher von Hollywood-Star Ving Rhames. Haben Sie ihn auch mal persönlich kennengelernt?
Zu einem persönlichen Gespräch ist es leider noch nicht gekommen. Ich war zwar wie er bei der Premiere von „Uppercut“ in der Kulturbrauerei in Berlin, wo wir drei Reihen voneinander entfernt saßen, aber da habe ich ihn live eben nur aus zehn Metern Entfernung gesehen. Ich hoffe, er hat mich gespürt (lacht). Immerhin ist er der Schauspieler, den ich als Feststimme am längsten habe. Los ging es noch vor „Pulp Fiction“.
Stichwort „Pulp Fiction“. Das ist für viele der Kultfilm der 1990er-Jahre. Sehen Sie das auch so?
Ja, aber es ist generell immer subjektiv, welchen Film man als Kultfilm sieht. Ich finde ihn toll. Auch wenn ich Ving hier nicht synchronisiert hätte, wäre er einer meiner Lieblingsfilme. Diese crazy Geschichten, die sich darin kreuzen, die wunderbaren Schauspieler und die coole Musik begeistern mich. Andreas Pollak führte damals Regie bei der Hermes Synchron GmbH in Potsdam. Für mich war es großartig, weil ich neben Manfred Lehmann, der Bruce Willis sprach, stehen konnte und man noch zusammen aufnahm. Wir konnten miteinander agieren.
Gibt es eine Lieblingsrolle, bei der Sie ihn synchronisiert haben?
Zuerst fällt mir eine schlechte Serie mit ihm ein: Es gibt ein Remake von „Kojak – Einsatz in Manhattan“. In zehn Folgen trägt Ving einen Hut und lutscht an einem roten Lolli wie einst Telly Savalas. Doch der Versuch, der Reihe durch einen afroamerikanischen Kojak neues Leben einzuhauchen, ist nicht so gelungen. Eine meiner Lieblingsrollen, wo ich ihn in der deutschen Fassung intonierte, ist die von ihm verkörperte Transfrau in „Holiday Heart“, wo er zum Ersatzvater für ein kleines Mädchen wird. Ving kann alles spielen, so auch einen schwulen Gefängnisinsassen in „Chuck und Larry – Wie Feuer und Flamme“, wo er zum Entsetzen von Kevin James und Adam Sandler nackt unter der Dusche singt. Er ist sich für nichts zu schade. Neben „Pulp Fiction“, wo auch Helmut Krauss Samuel L. Jackson pointiert synchronisierte, gefällt mir auch der erste, in Prag spielende Teil von „Mission: Impossible“ sehr gut.
Was ist für Sie charakteristisch an der Stimme von Ving Rhames?
Sein Timbre klingt eigentlich sehr weich, ja, fast liebevoll, obwohl er auch hart spielen kann. Die Stimme ist vollvolumig. Sie passt zu seinem Gesicht als Gesamtpaket. Er hat eine warme Stimme, im Gegensatz zu Ron Perlman, der eine knarrige, tiefe Stimme hat. Es macht mir Spaß, Ving zu synchronisieren, weil er selbst nicht zu schnell spricht, sondern sehr langsam und bedacht.
Gibt es einen Unterschied für Sie, ihn in einem Spielfilm oder einer Doku-Reihe wie „History’s Deadliest mit Ving Rhames“ zu synchronisieren?
Da ist eine größere Sachlichkeit angebracht. Die Doku soll informativ für den Zuschauer sein. Hier verkörpert er keine Filmfigur, sondern tritt als Moderator der Reihe auf. Da ist er ja er selbst, der den Leuten Fakten vermittelt. Seine Rollen als Bösewicht, Pförtner, netter Vater oder aufgeregter Kioskbesitzer sind etwas anderes, als durch eine Doku-Reihe zu führen. Es ist für uns beide ein neues Terrain.
In „History’s Deadliest mit Ving Rhames“ werden grausame Geschichten erzählt. Ich denke da an die chinesische Piratin vor einigen Hundert Jahren, deren Piratenflotte für zahlreiche tödliche Überfälle verantwortlich war, die aber nach einem Deal mit der damaligen chinesischen Regierung nicht bestraft wurde. Sehen Sie dabei Parallelen zur Gegenwart?
Ja, leider. In der letzten Folge der Reihe – Episodentitel: „Schlachten“ – geht es unter anderem um den Zweiten Weltkrieg und Adolf Hitler. Das war nicht schön zu sehen, gerade in unseren heutigen krisengeschüttelten Zeiten. Umso wichtiger ist es, dass man die Geschichte nicht vergisst und solche Geschichten erzählt werden. Mein Vater war viereinhalb Jahre in russischer Gefangenschaft, den hatten sie im Spreewald hops genommen. Später erzählte er mir auf meine Nachfrage bei Spaziergängen an der Ostsee davon. Er fand es doof, wenn ich mit kurz rasierten Haaren herumlief: „Die abrasierten Köpfe habe ich in Kriegsgefangenschaft den ganzen Tag um mich herum gehabt.“ Ich habe Locken und trage seitdem die Haare, auch ihm zu Ehren, lang.
Bevor Sie mit Ihrer legendären Bassstimme Synchronsprecher wurden, standen Sie als Schauspieler auf der Bühne. Wie kam es, dass Sie Stars wie Ving Rhames Ihre Stimme leihen?
Ich studierte an der „Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch“, Außenstelle Rostock, vier Jahre, bin also gelernter Schauspieler, die man mittlerweile in diesem Beruf nur noch selten trifft. Aus privaten Gründen bin ich in den Westen abgehauen. Ich bin kein Ossi, sondern ein Flossi, ein geflohener Ossi. In West-Berlin hatte ich Kontakt zu Schauspielkollegen, die ich am Staatstheater Cottbus kennengelernt hatte. Da gab es Rüdiger Joswig, der schon im Synchronbereich Fuß gefasst hatte. Er nannte mir die Adressen der Synchronstudios. Nebenbei spielte ich Off-Theater in Kreuzberg. Meine tiefe Stimme bescherte mir erste Synchronrollen für Filme, Serien und Werbung. Durch „Pulp Fiction“ ist das dann mein Hauptverdienst geworden, weil das Off-Theater mir nicht so einen Spaß gemacht hat. Wenn man aus der kalten Heimat kommt und im kerzendurchfluteten Zimmer sitzt, wo sich Regisseure über Ambiente und was die Leute tragen unterhalten, sagt ein gelernter Schauspieler: „Leute, lasst uns den Text nehmen, uns in die Augen blicken und erst mal das Stück spielen. Wie die dann aussehen auf der Bühne ist doch dann erst ganz spät zu entscheiden.“ Das war mir alles zu gefällig, wurde vom Senat finanziert und die Leute vom Freien Theater saßen immer nur rum, wobei sie Rotwein tranken und der Mittelpunkt der Welt sein wollten, aber ohne groß zu spielen. Deshalb habe ich gern beim Synchron Fuß gefasst. Bis jetzt – toi toi, toi – läuft es gut.
Eine Ihrer Parade-Synchronrollen war auch der von Gerard Butler verkörperte König Leonidas in Zack Snyders Comicverfilmung „300“. Welche Erinnerungen haben Sie hieran?
Ich war nach der Synchronisation zwei Wochen heiser! Den Schlüsselsatz „Das ist Sparta!“ musste ich allein sechs oder sieben Mal sprechen, weil der Regisseur alles rausholen wollte. Bis auf den Anfang, wo Leonidas seinem Sohn die Dinge des Lebens beibringt und wie man zu kämpfen hat, wurde im Film viel gebrüllt. Es sind tolle Bilder entstanden, vor allem durch die damalige Computertechnik, aber mein Favorit ist es nicht, denn ich weiß nicht, ob darin geschichtlich alles so korrekt geraten ist. Gerard Butler wird eigentlich von Tobias Kluckert gesprochen, doch bei „300“ wurde eine martialische und kräftigere Stimme für die Synchronisation gesucht.
Manche Filme werden nun schon komplett durch KI synchronisiert. Ist das nicht eine große Gefahr für alle Sprecher?
Ich denke, dass KI immer mehr eingesetzt werden wird, etwa bei Dokus und Animes. Wir als Schauspieler in menschlichen Rollen und guten Kinofilmen sind aber unersetzbar. Per KI generierte Synchronisationen mit „nachgebauten“ Stimmen sind seelenlos, alles klingt gleich.
„Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“, hat Udo Jürgens gesungen. Ist es bei Ihnen auch so?
Udo Jürgens hat das wohl gesungen, weil es damals noch eine höhere Rente gab. Ich bekomme seit letztem Jahr Rente. Wenn sie doppelt so hoch wäre, wäre es okay. Doch mit 66 Jahren, da fängt bei mir das Weiterarbeiten an. Ansonsten ist 66 für mich nur eine Zahl. Ich habe eine tolle Familie um mich herum. Letztens hörte ich einen Podcast von Charles Rettinghaus, in dem er mit einem älteren Kollegen sprach, der folgenden Spruch über das Alter heraushaute: „Wenn du früh wach wirst und hast keine Schmerzen mehr, dann bist du tot.“ Ich freue mich über jeden Tag! Ich gehe mit meiner Frau in die Sauna oder schwimme, damit am Wochenende auch mal eine gute Flasche Rotwein genossen werden kann.
Interview: Marc Hairapetian
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