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BERLINER MORGENPOST: Brutalstmögliche Aufklärung - Leitartikel von Hajo Schumacher

Berlin (ots) - Schon merkwürdig. Ausgerechnet im Land der Airbags, wo der Sicherheitsbeauftragte meist mehr zu sagen hat als der Chef, scheinen elementare Brandschutzfragen erst im allerletzten Moment eine Rolle zu spielen. Normalerweise werden doch gerade bei der Planung eines sensiblen Verkehrsknotens vom ersten Architektenstrich an Fluchtwege und Rauchmelder und all die anderen hochkomplexen Vorrichtungen mitgedacht und mitgeplant. Jede Gartenlaube wird doch von Männern mit Helmen, Klemmbrettern und Prüfgeräten durchleuchtet, ob der Kamin qualmsicher installiert wurde. Jede Frittenbude legt sich inzwischen ein verlässliches Projektmanagement zu. Die völlig unerwartete Notbremsung lässt Verdacht keimen: Sind die Sicherheitsbedenken womöglich nur ein Vorwand, um noch ein paar andere Probleme zu kaschieren, die den pünktlichen Betriebsstart von BER schon seit Längerem gefährdeten? Wurde hier viel zu lange ein Schönwetterplan ausgerollt, der allen Erfahrungen mit Großbaustellen widersprach? Lässt man mal die Häme weg, die derzeit aus allen Ecken auf Berlin niederprasselt, so weiß unsere angebliche Perfektionistennation, dass Kosten- und Zeitpläne eigentlich nur dazu dienen, um über den Haufen geworfen zu werden. Bei so ziemlich jedem deutschen Großprojekt ist der fristgerechte Betriebsbeginn eine weitaus größere Überraschung als die, übliche, Verzögerung. Berlin kennt dieses Phänomen von Hauptbahnhof und Kanzleramt, die Hamburger haben ihre Elbphilharmonie und jede mittelgroße Stadt irgendein Einkaufszentrum oder einen Behördenneubau mit eben diesen Startschwierigkeiten. Insofern haben wir es beim Fall BER nicht mit einem Berliner Phänomen zu tun, sondern mit dem völlig normalen Verlauf eines jeden hochkomplexen Mammutbauwerks. Die eherne Regel gilt: Irgendwas ist immer, pünktlich und im Kostenrahmen dagegen eher selten. Weil einer hinterher die Mehrkosten tragen muss, ist die Frage umso drängender: Was lief wirklich schief bei "Willy Brandt"? Dass die Politik ebenso überrascht zu sein schien wie Bürger und Fluggesellschaften waren, das mag schon angehen. Aber die Folgen sind komplexer als einiges Durcheinander für Ferienreisende. Wie hoch sind die Schäden durch die Verschiebung? Fällt Schadenersatz an? Was ist wie versichert? Wer haftet? Welche Klauseln haben gewiefte Juristen in die Verträge diktiert? Die plötzliche Verschiebung ist eben keine Posse, sondern ein millionenschwerer Vorgang, der womöglich auch noch an Brandenburgern und Berlinern hängenbleibt. Dass sich erst vier Wochen vor dem Festakt gleichsam schicksalhaft und aus heiterem Himmel andeutete, dass der Zeitplan nicht zu halten ist, das glaubt doch kein Mensch. Also raus mit den Fakten: Wer wusste wann wovon? Gab es Planungsfehler? Wer war für die Kontrolle verantwortlich? Wo wurde über den Zeitplan gewacht? Für eine "Operation Schlanker Fuß" ist der Vorgang nicht nur viel zu ärgerlich, sondern auch eindeutig zu teuer. Die Regierenden Wowereit und Platzeck retten ihre Glaubwürdigkeit nur, wenn sie brutalstmögliche Aufklärung durchsetzen.

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