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Berliner Morgenpost: Richtiger Mann - falscher Zeitpunkt

Berlin (ots) - Normalerweise hätte die Medienwelt laut aufschreien müssen. Dass ein Regierungssprecher ohne Umwege zum Intendanten einer der wichtigsten deutschen Rundfunkanstalten bestellt wird, widerspricht dem öffentlich-rechtlichen Grundgedanken von der Distanz zur politischen Macht. Doch die Wahl von Merkels Sprecher Ulrich Wilhelm zum neuen Chef des Bayerischen Rundfunks wird stoisch hingenommen in einem Land, das sich jüngst noch über den Einfluss der Politik bei der Besetzung der ZDF-Chefredaktion fürchterlich und zu Recht empörte. Vernachlässigt die vierte Gewalt ihre Kontrollaufgabe? Droht Deutschland die Berlusconisierung? Nicht ganz. Erstens spricht Wilhelm für eine CDU-Kanzlerin, wird aber Intendant eines Senders, der ein CSU-Land bedient. Aus der Hauptstadt aber haben sich die Bayern noch nie gern Befehle erteilen lassen. Der einstige Vertraute des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber war zudem nie in der CDU verankert. Als Sprecher der großen Koalition brachte er es dagegen fertig, das Vertrauen der SPD zu gewinnen und mit seinem damaligen Kollegen Thomas Steg ein nahezu legendär gutes Auskommen zu pflegen. Der BR wird künftig also nicht aus Berlin ferngesteuert, vielmehr kehrt der Herzens-Münchner Wilhelm nach einem fast fünf Jahre währenden Gastspiel in Berlin zu Wurzeln und Familie zurück. Der Jurist absolvierte die Münchner Journalistenschule und arbeitete lange Jahre als freier Journalist für den BR. Als Sohn eines langjährigen Landtagsabgeordneten bewegte Wilhelm sich seit jeher unfallfrei an der Schnittstelle zwischen Politik und Medien. Und er bringt bis heute das Kunststück fertig, beiden Seiten gerecht zu werden, ohne allzu viel verbrannte Erde zu hinterlassen. Medienschaffende gleich welcher Couleur lobten einen fairen und zuverlässigen Umgang, den sachlichen Ton und Wilhelms charakterliche Stärke, auf staatstragenden Habitus zu verzichten. Er tritt weder als tumber Parteisoldat auf, noch lässt er sich bei berufsbedingten Flunkereien erwischen. Nicht mal Egon Bahr, Günter Gaus oder Klaus Bölling hätten es wohl geschafft, sich zugleich bei den Mächtigen dreier Parteien, einer ziemlich gemischten Schar von Hauptstadt-Journalisten und einem bizarren Apparat wie dem BR Respekt zu verschaffen. Es bleibt jedoch dabei: Mag Wilhelm auch ein noch so netter Kerl sein und bei Gewerkschaften wie Ultrakonservativen beliebt - der direkte Wechsel aus dem Kanzleramt zu einem wichtigen Medienanbieter ist nicht in Ordnung. Jeder Minister, jede Staatssekretärin muss sich, zu Recht, öffentlich prügeln lassen, wenn ansatzlos ein Jobwechsel aus dem politischen Amt zu einem Konzern vollzogen wird. Mögen die Alarmanlagen der Demokratie im Falle Wilhelm auch versagt haben, eines ist gewiss: Jede Entscheidung des neuen BR-Intendanten wird künftig mit größter Aufmerksamkeit beobachtet und interpretiert werden. Aus seinen bisherigen Jobs weiß keiner so gut wie Wilhelm, wie schnell Vorschusssympathie welken kann.

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