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Berliner Morgenpost: Pankow, der Fall Tauss und die Grenzen der Freiheit - Kommentar

    Berlin (ots) - Das Internet, kein Zweifel, ist die Errungenschaft des Informationszeitalters, ein universelles Werkzeug, geeignet, in kürzester Zeit Kleines groß, Unbekanntes bekannt, Nützliches unnütz, viel Geld, aber auch Rentables unrentabel zu machen. Der Hebel des Web ist wirkungsmächtig wie kein Zweiter, im Guten wie im Schlechten. Das muss wissen, wer ihn nutzt. Folgenlos, gesichert folgenlos bleibt in dieser informationellen Unendlichkeit nichts. Ein weiterer Vorteil des Internets ist, dass man es fast überall nutzen kann. Zum Beispiel im Pankower Rathaus, wo findige Mitarbeiter eine Liste mit den Namen schwarzer Schafe online stellten, deren gastronomische Betriebe den staatlichen Lebensmittelkontrolleuren negativ aufgefallen waren. Das sorgt für Transparenz, dient der Hygiene, nutzt den sauberen, zumindest nicht auffällig gewordenen, vielleicht auch nur nicht kontrollierten Gaststätten, prima. Sagen die einen. Die anderen sprechen von Ruin, purer Willkür, von Rufmord. Beides kann richtig sein, und deshalb haben die Verantwortlichen jenseits Pankows gestern klug gehandelt, indem sie sich für eine sorgfältige Prüfung von Für und Wider des Internet-Prangers entschieden haben. Ein zweiter Fall, auch er nimmt seinen Anfang im Internet: Dort drohte in dieser Woche ein Berliner Jugendlicher in einem Chatroom, offene Rechnungen mit seinem Mitschülern begleichen zu wollen. Er mag das im Scherz gesagt haben, in pubertärer Wut, aus Dummheit. Einen Tag später durchsucht die Mordkommission sein Kinderzimmer. Internet live. Kleine Dummheit, großes Aufgebot. Aber die Möglichkeit, dass der Polizist X, der diesen Einsatz anordnete, sehr Schlimmes verhindert hätte, die bestand ja. Theoretisch. Praktisch? Man weiß es nicht. Das Internet, auch keine Frage, ist das neue Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wild, frei, grenzenlos. Dass wir, wie im realen Leben, auch im World Wide Web eine ganze Zeit brauchen werden, um uns darin frei, aber doch so zu bewegen, dass nicht gleichzeitig andere in ihrer Freiheit beeinträchtigt werden, das ahnen wir erst. Auch welche riesigen Werte dort konsumiert, benutzt, vernichtet werden können. Einfach so. Anonym. Ohne Gegenleistung. Ohne Verantwortung zu übernehmen. Von dem unsäglichen Schindluder, das man mit dem Netz treiben kann, mal ganz abgesehen. Der Fall Tauss beleuchtet diesen Sumpf gerade wieder, für einen Moment. Wir, freiheitsliebend und paragrafenfrustriert, wie wir sind, stehen erst am Anfang eines Prozesses, an dessen Ende die Erkenntnis steht, dass auch eine virtuelle Welt sehr klare Regeln braucht. Die dafür nötige Debatte beginnt, national wie international, beim Sperren von Seiten mit kinderpornografischem Inhalt, einer puren Selbstverständlichkeit im Übrigen. Sie führt über Fragen der Persönlichkeitsrechte, des Rechts auf geistiges Eigentum und endet natürlich nicht bei den bevorstehenden juristischen Auseinandersetzungen über die Funktion des Internets als öffentlichem Pranger. Es ist ein sehr weites Feld, unüberschaubar, aber nicht zu ignorieren.

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