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Reformen, und zwar schnell! Coface Kongress diskutiert Perspektiven für den Wirtschaftsstandort Deutschland

Reformen, und zwar schnell! Coface Kongress diskutiert Perspektiven für den Wirtschaftsstandort Deutschland
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Mainz (ots)

Reformstau, geopolitische Risiken, hohe Energiekosten und fehlende Planbarkeit: Die Herausforderungen am Wirtschaftsstandort Deutschland sind groß. Beim 19. Coface Kongress am 23. April in Mainz diskutierten Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft sowie Risikoexperten und Unternehmer, welche Weichenstellungen jetzt nötig sind, damit Deutschland im internationalen Wettbewerb nicht weiter an Boden verliert. Der Tenor des Tages: Die deutsche Wirtschaft ist frustriert - und wartet auf entschlossene politische Reformen.

"Wir erleben in Deutschland eine Phase struktureller Stagnation und einen spürbaren globalen Ordnungswandel", sagte Katarzyna Kompowska, Coface-CEO für Nordeuropa, zur Eröffnung. Viele Unternehmen wollten Veränderung, doch dieser Weg sei alles andere als eindeutig. "Aber Unternehmen warten nicht, sie handeln", so Kompowska.

Bildung, Resilienz und Arbeitsmarkt: Strukturelle Defizite bremsen Potenziale

Die Soziologin Prof. Jutta Allmendinger ordnete die wirtschaftliche Lage auf Basis gesellschaftlicher Entwicklungen ein und machte deutlich, dass viele strukturelle Probleme bereits im Kindesalter entstünden. In Deutschland seien Bildungschancen stärker als in anderen europäischen Ländern von der sozialen Herkunft abhängig - mit erheblichen Folgen für Innovations- und Wachstumspotenziale. "Bildungspolitik ist die beste Sozial- und Wirtschaftspolitik in einer alternden Gesellschaft", so Allmendinger. Sie plädierte für mehr Mut zu Veränderungen: flexible Bildungs- und Erwerbsbiografien, lebenslange Weiterbildung und ein Abschied von der "Zertifikatsgläubigkeit". Alles mit dem Ziel, mehr Menschen länger in Arbeit zu bringen. Statt starrer Altersgrenzen sei ein flexibler Übergang in den Ruhestand nötig, ebenso bessere Rahmenbedingungen, damit hochqualifizierte Frauen nicht schrittweise aus der Vollzeitbeschäftigung gedrängt werden. Entscheidend sei zudem, Menschen früh Selbstwirksamkeit, Resilienz und Handlungsfähigkeit zu vermitteln. Alles Eigenschaften, die in Zeiten permanenter Transformation unverzichtbar seien.

Wirtschaft fordert Planbarkeit statt Mikromanagement

Die Paneldiskussion verdeutlichte, wie groß die Enttäuschung vieler Unternehmen angesichts der aktuellen politischen Umsetzungskraft ist. Bianca Illner vom VDMA forderte schnelle und verlässliche Reformen. Um die Stagnation zu überwinden, brauche es Industrieimpulse, weniger Bürokratie und vor allem Planungssicherheit. Resilienz entstehe dort, wo Unternehmen langfristig kalkulieren könnten, Unsicherheit sei dagegen Gift für Investitionen. Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau habe weiterhin gute Chancen, stoße jedoch zunehmend an Grenzen. Die Folge: Investitionen werden wegen fehlender Rahmenbedingungen im Ausland getätigt.

Deutliche Worte fand auch Andrea Thoma-Böck, Geschäftsführerin der Thoma Metallveredelung GmbH. Die strukturellen Probleme Deutschlands seien hausgemacht, betonte sie. Viele der angekündigten Maßnahmen seien nicht umgesetzt worden, was Frust und Vertrauensverlust in der Wirtschaft verstärke. Besonders alarmierend sei die Entwicklung der Insolvenzen: "Alle 22 Minuten stirbt in Deutschland ein Unternehmen. Das ist dramatisch für den Wirtschaftsstandort", so Thoma-Böck. Der Staat solle sich auf seine Kernaufgaben konzentrieren, verlässliche Rahmen setzen und den Unternehmen wieder mehr Vertrauen entgegenbringen.

Innovation, Energie und internationale Wettbewerbsfähigkeit

Auch Dieter Worf vom Mainzer Konzern Schott mahnte grundlegende Reformen an. Die Gesellschaft sei grundsätzlich zu Veränderungen bereit, doch der politischen Umsetzung fehle oft der Mut. Regulatorische Hürden bremsten Innovation, statt sie zu fördern. Ein leistungsfähiges Bildungssystem sei ebenso zentral wie stabile energiepolitische Rahmenbedingungen. Innovation müsse nicht nur erfunden, sondern auch bis zur Marktreife begleitet werden, um wirtschaftlich wirksam zu sein.

Die Perspektive von außen lieferte Frank Sieren, China-Experte und Bestseller-Autor, der aus Peking zugeschaltet war. China habe sich von der Werkbank zum Innovationstreiber entwickelt und sei in einigen Bereichen, etwa bei E-Mobilität oder neuen Technologien, Taktgeber geworden. "Aus einem Partner ist ein Wettbewerber geworden, der jetzt sein eigenes Tempo macht", so Sieren. Während Europa Innovation häufig zuerst regulieren wolle, gehe China pragmatisch vor und schaffe Fakten. In einer multipolaren Weltordnung mit stärkeren BRICS-Staaten müsse Deutschland klar definieren, wo eigene Stärken liegen und wie diese international ausgespielt werden können.

Wirtschaftsausblick von Coface bleibt gedämpft

Einen Blick auf aktuelle Wirtschaftsrisiken warf Coface-Volkswirt Markus Kuger. Geopolitische Spannungen, fragile Lieferketten und hohe Finanzierungskosten belasteten die Unternehmen weiterhin. Zwar seien die Öl- und Gaspreise deutlich niedriger als zum Höhepunkt der Energiekrise, dennoch bleibe die Kostenbelastung für viele Unternehmen hoch. Zusätzlich mache die Erwartung weiterer Zinsschritte in der zweiten Jahreshälfte Druck auf Investitionen und Liquidität. Für 2026 erwartet Coface ein globales Wachstum von 2,1 Prozent, für Deutschland lediglich 0,4 Prozent. "Wir kommen nicht vom Fleck", lautete sein Fazit.

Pressekontakt:

Coface, Niederlassung in Deutschland
Sebastian Knierim - Pressesprecher -
Tel. 06131/323-335
sebastian.knierim@coface.com
www.coface.de

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