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Lausitzer Rundschau: zu: Zur Eskalation des Konflikts um die Mohammed-Karikaturen

    Cottbus (ots) - Als Ariel Scharon im September 2000 den Tempelberg in Jerusalem bestieg, da wusste er, dass dies in den Augen der Palästinenser eine Provokation darstellen würde. Doch der damalige israelische Oppositionspolitiker beharrte darauf, der Gang sei sein gutes Recht – und löste so die zweite Intifada in den Palästinensergebieten aus, die Hunderten das Leben kostete. Scharons Kalkül aber ging auf: Ein halbes Jahr später war er Premierminister. Es ist nicht schwer, die Parallelen zu dem sich derzeit täglich verschärfenden Konflikt zu erkennen, den die dänische Zeitung Jyllands-Posten in Gang gesetzt hat. Auch hier stand am Anfang eine bewusste Provokation – der Abdruck von Karikaturen des Propheten Mohammed. Und auch hier ist ein Kalkül aufgegangen: Eigenen Angaben zufolge wollte das rechtskonservative Blatt mit der Veröffentlichung der Zeichnungen im September 2005 ein Zeichen gegen eine angebliche Selbstzensur in den Medien setzen – und hatte, zunächst vergeblich, darauf gehofft, dass andere Zeitungen die Karikaturen ebenfalls drucken würden. Jetzt – nachdem ein Proteststurm aus der islamischen Welt dem Thema eine Bedeutung gegeben hat, die es von Anfang nicht verdiente – tun das auch einige. Kein Wunder, dass sich der Chefredakteur von Jyllands Posten, Carsten Juste, gestern darüber freute, dass nun in Europa passiere, wozu sich die anderen Blätter in Dänemark vier Monate lang nicht bequemen konnten. Wer mit weniger missionarischem Sendungsbewusstsein ausgestattet ist, dürfte diese Freude kaum teilen. Aus der zweifelhaften Aktion einer einzelnen Zeitung ist ein hoch gefährlicher Konflikt geworden. Inzwischen nämlich geht es ums Grundsätzliche. Meinungsfreiheit gegen Gottesfurcht, Aufklärung gegen Mittelalter, Okzident gegen Orient – und allerorts wird bedenkenlos das Öl eimerweise ins Feuer gekippt. Von Islamabad bis Gaza werden Hass und diffuse Ungerechtigkeitsgefühle gegenüber dem Westen mobilisiert. Und in Europa erklären wackere Kämpfer für die Pressefreiheit den Abdruck der umstrittenen Karikaturen bereits zur „journalistischen Pflicht“. Wer so denkt, vergisst allerdings, warum Jyllands Posten am Anfang kaum Mitstreiter fand: Zur Pressefreiheit gehört auch die Freiheit, aus guten Gründen auf die Veröffentlichung bestimmter Beiträge zu verzichten. Man muss nicht jedes gute Recht auch nutzen.


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