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Börsen-Zeitung: Systemisches Risiko 3.0, Börsenkommentar "Marktplatz" von Georg Blaha

Frankfurt (ots) - Eine ganze Woche lang schien die Welt im Bann eines neuen Ölpreisschocks zu stehen. Kaum dass die Märkte die Unsicherheit der politischen Wende in Ägypten verdaut hatten, flammten in Libyen blutige Unruhen auf. Anders als in Ägypten gibt es hier keinen friedlichen Übergang. Loyale Teile der Armee und Söldnertruppen von Staatschef Muammar al-Gaddafi schießen Berichten zufolge auf Gegner, die Opferzahl dürfte in die Tausende gehen. In Libyen tätige Ölkonzerne wie Total, Eni und OMV stellen ihre Produktion in dem für Europa wichtigen Förderland ein oder reduzieren sie stark. Schätzungen des Förderausfalls liegen zwischen 25 und 50%. Die bürgerkriegsähnlichen Zustände und Sorgen um den Ölnachschub ließen den Preis der Sorte Brent am Donnerstag um fast 10% auf 119,79 Dollar bzw. ein 30-Monats-Hoch schnellen. Der rasche Anstieg sendete Schockwellen an alle anderen Märkte.

Zum Ende der Woche hat eine gewisse Beruhigung eingesetzt. Saudi-Arabien erklärte sich bereit, seine Produktion hochzufahren, um die Lieferausfälle Libyens auszugleichen. Unterdessen sicherten die Aufständischen, die mittlerweile den Osten des Landes und zahlreiche Förderanlagen kontrollieren, zu, die Öllieferverträge mit dem Westen einzuhalten. An den Finanzmärkten zeigte sich die Beruhigung an schwächer tendierenden klassischen Flucht-Assets wie Gold, Schweizer Franken und Bundesanleihen.

Für die Märkte sollte das Thema damit aber noch nicht abgehakt sein. Vielmehr verdeutlichen die politischen Umwälzungen und Unruhen in Nordafrika und im Nahen Osten ein weiteres Mal, wie stark vernetzt die Welt ist. Was mit Protesten in Tunis begann, setzte sich in Kairo fort und erreichte schließlich Tripolis. Auch in den umliegenden Staaten und Regionen äußert die Bevölkerung ihren Unmut immer öffentlicher und lauter. Mit Blick auf die Marktreaktionen lässt sich eine aufsteigende Tendenz beobachten. Während im Fall von Tunesien noch keinerlei Auswirkungen auf die Märkte zu erkennen waren, zeigten sich in den folgenden Krisen weit höhere Ausschläge.

So wie es aussieht, werden Marktteilnehmer künftig stärker auf zusammenhängende politische Risiken achten müssen. Das derzeit zu beobachtende Phänomen von übergreifenden politischen Unruhen in Schwellenländern mit Demokratiedefiziten lässt sich für die Finanzmärkte vielleicht mit der Formel "Systemisches Risiko 3.0" zusammenfassen. Die Version 1.0 bezog sich auf die weltweite Banken- und Finanzkrise. Variante 2.0 zeigte im Euroraum, dass die Schuldenprobleme von ein oder zwei Staaten durch grenzüberschreitend tätige Banken und die Währungsunion eine ganze Region ins Wackeln bringen können. Das Upgrade 3.0 schließlich trägt das Staatenrisiko weiter als ursprünglich vermutet und bedroht über die Stellschraube Ölpreis die Konjunktur der Weltwirtschaft.

Ein Risiko ist die neue politische Dynamik in den ölreichen Regionen, weil sich ihre Auswirkungen nicht bestimmen lassen. Von "systemisch" kann man deshalb sprechen, weil sich in den betroffenen Ländern ähnliche Strukturen (ungleich verteilter Reichtum, despotische Herrscherfamilien) finden und vor allem weil die Querverbindungen und Ansteckungswege unberechenbar sind. Dass all dies keine graue Theorie ist, beweist gerade Saudi-Arabien: Das Königreich reagiert auf die Unruhen in Libyen und im benachbarten Bahrain mit überraschenden Geldgeschenken an seine Bürger in Höhe von 35 Mrd. Dollar. Oppositionelle Gruppen wollen dennoch in der Hafenstadt Dschidda demonstrieren.

Dass die Märkte bislang nicht noch stärker auf die Umwälzungen in der Region reagieren, muss nicht unbedingt beruhigen: Marktteilnehmer orientieren sich lieber an dem, was für sie greifbar und quantifizierbar ist. Das ist die Krise im Nahen Osten und in Nordafrika (noch) nicht. Kurzfristig dürften die Ereignisse der Region mit einer Risikoprämie das Wachstum in diesem Jahr dämpfen. Langfristig gibt es bei aller Unsicherheit und Gefahr jedoch auch Hoffnung. Anders als bei Systemrisiko 1.0 und 2.0 bietet Version 3.0 nicht ausschließlich Abwärtsrisiken für die Märkte, sondern vielmehr eine großartige Chance: Dass Freiheit und wirtschaftliche Prosperität für größere Bevölkerungsschichten in einer in dieser Hinsicht zu kurz gekommenen Region der Weltwirtschaft neue Wachstumsimpulse geben.

(Börsen-Zeitung, 26.2.2011)

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