Liked to death: Wie soziale Medien den illegalen Wildtierhandel befeuern
Liked to death: Wie soziale Medien den illegalen Wildtierhandel befeuern
Hamburg, 28. April 2026 – Die Mehrheit der Europäer:innen lehnt den Handel mit Wildtieren klar ab – doch Social‑Media‑Trends tragen gleichzeitig dazu bei, genau diesen Markt weiter anzukurbeln. Das zeigt eine neue, unabhängige Studie im Auftrag des IFAW (International Fund for Animal Welfare), die eine deutliche Diskrepanz zwischen Sorge und Handeln offenlegt: Während 82 Prozent den Wildtierhandel als ernstes globales Problem einschätzen, glaubt nur etwas mehr als die Hälfte (54 Prozent), selbst etwas dagegen bewirken zu können. Der weltweite Wildtierhandel zählt mit einem geschätzten Volumen von sieben bis 23 Milliarden US-Dollar pro Jahr zu den größten illegalen Märkten weltweit.
Der IFAW warnt davor, dass virale Inhalte, die Wildtiere als vermeintlich geeignete exotische Haustiere zeigen, deren Haltung normalisieren und gezielt Nachfrage erzeugen. Jeder Klick, jedes „Like“ und jedes Teilen solcher Inhalte kann Teil einer digitalen Dynamik sein, die reale Folgen für Wildtiere und Ökosysteme weltweit hat. Mit der Kampagne „Liked to death“ macht der IFAW auf die Verbindung zwischen digitaler Aufmerksamkeit und realem Tierleid aufmerksam.
„Hinter viralen Clips mit vermeintlich niedlichen Wildtieren steckt oft eine brutale Realität. Wildtierkriminelle instrumentalisieren die Reichweite sozialer Medien gezielt, um Nachfrage zu schaffen – auf Kosten von Tieren, die für diese Inhalte aus ihrem natürlichen Lebensraum gerissen und nicht artgerecht gehalten werden“, sagt Andreas Dinkelmeyer, Kampagnenleiter des IFAW in Deutschland.
Große Sorge – geringes Bewusstsein
Die Studienergebnisse belegen die große Sorge und das gleichzeitig geringe Bewusstsein der Europäer:innen. Durchgeführt wurde die Umfrage vom Marktforschungsinstitut Sapience in Frankreich, Deutschland, Spanien, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich mit mehr als 3.700 Befragten.
- 70 % sind der Meinung, dass Wildtiere keine Haustiere sind.
- 82 % ordnen den Handel mit Wildtieren als ernstes globales Problem ein, dem mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden muss.
- 84 % fordern strengere EU-Gesetze zum Schutz wildlebender Tiere.
- Drei von vier Befragten geben an, wenig oder gar nichts über den Wildtierhandel zu wissen.
- Nur einem Drittel ist es bewusst, dass Europa ein zentraler Umschlagplatz für den Wildtierhandel ist – und dass Online-Plattformen dabei eine Schlüsselrolle spielen.
- Lediglich 54 % glauben, dass Einzelpersonen einen Beitrag zur Eindämmung des Handels mit Wildtieren leisten können.
„Unsere Ergebnisse zeigen ein alarmierendes Wissensdefizit“, sagt Andreas Dinkelmeyer. „Viele Menschen sind empört über den Handel mit Wildtieren und seine dramatischen Folgen, fühlen sich aber machtlos. Dabei hat unser individuelles Online-Verhalten reale Konsequenzen: Wenn wir nicht wollen, dass Wildtiere ‚zu Tode geliked‘ werden, müssen wir unser eigenes Handeln hinterfragen.“
Vom „niedlichen“ Clip zur realen Bedrohung
Online‑Plattformen und Social‑Media‑Influencer tragen maßgeblich dazu bei, den Besitz von Wildtieren als Haustiere zu normalisieren und zu verherrlichen. Virale Inhalte vermitteln ein verzerrtes Bild und verschleiern die gravierenden Folgen für die Tiere.
Jährlich werden Millionen Wildtiere für den Handel mit sogenannten „exotischen Haustieren“ der Natur entnommen oder in Gefangenschaft gezüchtet. Viele sterben bereits beim Fang oder Transport, andere leiden ein Leben lang unter nicht artgerechter Haltung, schweren Verhaltensstörungen und gesundheitlichen Schäden. Diese Ausbeutung schadet nicht nur den einzelnen Tieren, sondern gefährdet ganze Ökosysteme und damit die biologische Vielfalt.
Ein besonders drastisches Beispiel ist der Graupapagei: In Teilen seines Verbreitungsgebiets ist die Wildpopulation in den vergangenen 50 Jahren um rund 90 Prozent zurückgegangen – maßgeblich durch den Handel mit Wildtieren. Trotz ihrer hohen Intelligenz und ihrer dramatischen Bedrohung werden Graupapageien von vielen Menschen weiterhin als Haustiere gehalten – häufig ohne das Wissen, dass die Art vom Aussterben bedroht ist.
Der weltweite Wildtierhandel wird auf sieben bis 23 Milliarden US-Dollar pro Jahr geschätzt und zählt zu den größten illegalen Märkten weltweit. Er ist eng mit organisierter Kriminalität verknüpft. Trotz verstärkter Maßnahmen im Rahmen des EU-Aktionsplans gegen den Handel mit Wildtieren führen nur etwa zehn Prozent der gemeldeten Fälle zu Verurteilungen, Geldstrafen oder Freiheitsstrafen.
Klare Forderungen an Politik – und an die Gesellschaft
Der IFAW fordert die EU‑Politik auf, den Wildtierhandel strenger zu regulieren und Schlupflöcher zu schließen, die illegalen Handel begünstigen. Zu den wichtigsten Forderungen gehören:
- Die Einfuhr, den Handel und den Besitz aller im Herkunftsland geschützten Wildtierarten europaweit unter Strafe zu stellen.
- Die Einführung von „Positivlisten“, die eindeutig festlegen, welche Tierarten legal als Haustiere gehalten werden dürfen.
- Der Ausbau und die bessere Vernetzung von Überwachungs‑ und Kontrollsystemen, um den Handel mit Wildtieren nach, aus und innerhalb Europas wirksam zu verfolgen.
- Eine deutlich stärkere Unterstützung internationaler Schutzmaßnahmen für bedrohte Wildtierarten, insbesondere in Herkunfts‑ und Transitländern.
Der Appell richtet sich zugleich an die Öffentlichkeit: Jede:r kann den illegalen Handel mit Wildtieren eindämmen - durch den Verzicht auf entsprechende Online‑Inhalte, den Verzicht auf den Kauf von Wildtieren sowie das Melden verdächtiger Angebote im Internet.
Weiteres Bild- und Videomaterial sowie BUs finden Sie hier: https://spaces.hightail.com/space/JX7zrNIWHT
Kampagnen Spot: https://youtube.com/shorts/jGvNnbT7YdY
Weiterführende Informationen:
- Ein Bericht des IFAW hebt die wachsende Rolle von Online-Plattformen hervor, wenn es darum geht, Wildtierkriminalität zu erleichtern. Soziale Medien fungieren als virtueller Marktplatz, der Käufer:innen und Verkäufer:innen über Grenzen hinweg miteinander verbindet: Zum Download
- Im März 2025 wurde der IFAW im Rahmen des EU-Gesetzes über digitale Dienste als erste Artenschutzorganisation in der EU zum „Trusted Flagger“ ernannt. Dadurch kann die Organisation illegale Inhalte zum Handel mit Wildtieren direkt an Online-Plattformen melden.
- Zwischen März und Dezember 2025 meldete der IFAW 118 verdächtige Anzeigen für den Verkauf von Wildtieren an fünf Online-Plattformen. Fast 75 % dieser Angebote wurden nach Meldungen entfernt. In etwa einem Viertel der Fälle versäumten es die Plattformen jedoch, die Inhalte zu entfernen oder zu reagieren, sodass potenziell illegale Verkäufe weitergehen konnten.
Über die Studie
Eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Sapience in Frankreich, Deutschland, Spanien, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich aus dem Jahr 2025, an der mehr als 3.700 Personen in fünf europäischen Ländern teilnahmen, untersucht die Einstellungen der europäischen Bevölkerung zum illegalen Wildtierhandel sowie zur Wirksamkeit von Aufklärungskampagnen. Mehr erfahren Sie hier.
Ergänzend befragte YouGov im Auftrag des IFAW im Jahr 2025 620 Halter:innen „exotischer Haustiere“ im Vereinigten Königreich zu Regulierung, Herkunft der Tiere und zum Zusammenhang mit illegalem Wildtierhandel. Mehr erfahren Sie hier.
Über die Kampagne
Liked to death ist eine europaweite Aufklärungskampagne des IFAW. Sie basiert auf Erkenntnissen aus der globalen Arbeit des IFAW zur Bekämpfung von Wildtierkriminalität sowie auf einer aktuellen europäischen Studie zu als "exotische Haustiere" gehaltenen Wildtieren und einer Umfrage unter Halter:innen von solchen „exotischen Haustieren“ im Vereinigten Königreich. Zum Kampagnenstart wird die breite Öffentlichkeit im Vereinigten Königreich, in den Niederlanden, Deutschland und Frankreich über Social Media, Out‑of‑Home‑Werbung und Kinospots angesprochen. Einzelne Materialien sind derzeit nur auf Englisch verfügbar, weitere Sprachen folgen. Mehr erfahren Sie hier.
Für weitere Informationen oder Interviews kontaktieren Sie bitte:
Raphael Heinetsberger
Pressesprecher
t: +49 (0) 40 866 500 38
Der IFAW (International Fund for Animal Welfare) ist eine weltweit tätige gemeinnützige Organisation für die bessere Koexistenz von Tieren und Menschen. Wir sind in mehr als 40 Ländern der Welt und auf den Meeren im Einsatz. Wir retten und pflegen Tiere, wildern sie wieder aus und bewahren und schützen ihre natürlichen Lebensräume. Die Probleme, denen wir uns stellen, sind drängend und komplex. Um sie zu lösen, brauchen wir mutiges Handeln und kluges Denken. Wir arbeiten mit Gemeinden, Regierungen, anderen NGOs und Unternehmen zusammen. Gemeinsam finden wir neue und innovative Wege, damit sich alle Arten in ihrem Lebensraum entwickeln können. So geht’s: ifaw.org





