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Die Lücke schließen: Stoffkreislauf von Fensterglas ist machbar

Die Lücke schließen: Stoffkreislauf von Fensterglas ist machbar
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Millionen alter Fenster werden jedes Jahr ausrangiert und durch neue, besser gedämmte Verglasungen ersetzt. Die alten Scheiben landeten bisher auf dem Wertstoffhof. Forschende der Hochschule München (HM) konnten jetzt zeigen, dass selbst jahrzehntealte Glasscheiben noch geeignet sind für die Herstellung neuer, hochwertiger Fenster. Dieses Re-Manufacturing könnte bis zu 90 Prozent CO2 einsparen.

München, 30. März 2026 – „Unser Ziel ist es, den Stoffkreislauf zu schließen“, sagt HM-Professor Martien Teich. „Fensterglas wird bisher überhaupt nicht wiederverwendet – bestenfalls wird es eingeschmolzen und zu Flaschen beziehungsweise Glaswolle verarbeitet oder man nutzt es als Füllmaterial im Straßenbau.“ Dabei wäre das alte Flachglas für die Bauwirtschaft eine wertvolle Ressource. Und da die Herstellung von Glas material- und energieintensiv ist, könnte man durch die Wiederverwendung auch Rohstoffe und Emissionen einsparen. Außerdem ließe sich jede Menge Abfall vermeiden: Etwa 150 Millionen Fenster mit unbeschichteten Isoliergläsern, die in den 70er bis 90er Jahren verbaut wurden, müssen in den nächsten Jahren nach und nach durch Dreifachverglasungen mit besseren Dämmwerten ersetzt werden. Grob geschätzt sind das 220.000 Tonnen Glas im Jahr – das entspricht 11.000 LKW-Ladungen.

Materialtests gegen die Unsicherheit

Dass altes Fensterglas in Deutschland nicht schon längst für die Konstruktion neue Fenster genutzt wird, liegt vor allem an den mangelnden Qualitätsstandards, meint Teich: „Die Hersteller brauchen Sicherheit, dass die verwendeten Materialien ihre Anforderungen erfüllen. Bisher gab es jedoch keinen Ansatz, die technischen Eigenschaften gebrauchter Flachgläser zu prüfen.“ Diese Lücke hat der Bauingenieur jetzt gemeinsam mit seinem Team geschlossen. Sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Sebastian Wernli, Industriedesigner und Spezialist für Kreislaufwirtschaft, hat im Labor die optischen und mechanischen Eigenschaften hunderter Glasproben untersucht. Jede einzelne wurde vor einem schwarzen Hintergrund positioniert und von hinten angestrahlt, sodass Kratzer sichtbar wurden. Beim anschließenden Biegeversuch belastete Wernli die Proben – darunter sowohl neue als auch gebrauchte Flachgläser, bis sie zerbrachen. Die Kraft, die dabei aufgewendet wurde, ist ein Maß für die Festigkeit.

„Die Versuche haben gezeigt, dass eine gute Oberflächenqualität Hand in Hand geht mit einer hohen mechanischen Festigkeit. Dieser Zusammenhang ist statistisch signifikant und gilt für alte Gläser genauso wie für neue“, berichtet Wernli. Damit, so betont der Forscher, habe man eine neue Methode der berührungslosen und zerstörungsfreien Qualitätskontrolle bekommen: Um herauszufinden, ob ein Flachglas gute mechanische Eigenschaften hat, genügt es, die Oberfläche minutiös auf Schäden zu untersuchen.

Integration in bestehende Prozesse

Um alte Glasscheiben im großen Maßstab zu prüfen, müsste der Prozess freilich automatisiert werden. Im Labor der Hochschule München experimentiert Wernli derzeit mit einem Scanner, der die Oberflächen abrastert und einer Software, die Fehler erkennt. Eine weitere Herausforderung ist die Integration der geprüften Fensterscheiben in die Beschichtungs- und Fertigungsprozesse – diese sind derzeit überwiegend auf die Verarbeitung von neuem Flachglas in normierten Größen ausgelegt.

Dass all dies durchaus möglich wäre, zeigen Untersuchungen der HM-Forschenden zusammen mit Ihren Industriepartnern. Im Labormaßstab wurden Bestandsgläser bereits optisch geprüft, beschichtet und zu Dreifachisolierglas verarbeitet. In einem Anschlussprojekt will Teich jetzt zeigen, dass das Re-Manufacturing auch wirtschaftlich sein kann. „Technisch ist es auf jeden Fall machbar“, betont der Ingenieur. „Die Bestandsgläser sind in ihren Eigenschaften oft nicht von neuen Flachgläsern zu unterscheiden. Die Herausforderung liegt jetzt darin, ihre Nutzung in die großtechnischen Abläufe bei der Fertigung von Fenstern zu integrieren.“

Prof. Dr. Martien Teich

HM-Professor Martien Teich ist Bauingenieur mit Schwerpunkt Stahl- und Fassadenbau. Seit 2022 ist er Mitglied der Fakultät für Bauingenieurwesen der Hochschule München. Er lehrt und forscht hier zu den Themen Glas- und Stahlbau.

Re-Use

Das Projekt „Untersuchungen zur Wieder- und Weiterverwendung von Bestandsgläsern (Re-Use)“ wird aus Mitteln der Zukunft Bau Forschungsförderung gefördert vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung im Auftrag des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen. Es ist eine Kooperation mit Prof. Dr. Ulrich Knaack vom Glass Competence Center der TU Darmstadt sowie dem Fachverband Konstruktiver Glasbau FKG und läuft von August 2024 bis November 2026 unter der Projektnummer 10.08.18.7-24.22.

Gerne vermitteln wir einen Interviewtermin mit Sebastian Wernli und Prof. Dr. Martien Teich.

Kontakt: Christiane Taddigs-Hirsch unter T 089 1265-1911 oder per Mail.

Publikationen

Wernli, S.; Scholz, H. I.; Schuster, M.; Teich, M. (2026) Vom Fenster zur Ressource – Glas im Wandel zur zirkulären Baukomponente. Stahlbau 95, Sonderheft Glasbau & Fassade, Ausgabe 1, S. 16–26. doi.org/10.1002/stab.70081

Teich, M., Scherer, C., Schuster, M. et al. Reuse and remanufacturing of insulated glass units. Glass Struct Eng 9, 339–356 (2024). doi.org/10.1007/s40940-024-00276-x

FKG e.V., Handlungsempfehlungen für eine nachhaltige Verwendung von Glasprodukten aus dem Bestand, Mai 2025, https://www.glas-fkg.org/wp-content/uploads/FKG-BF_05-2025_Handlungsempfehlungen-fuer-eine-nachhaltige-Verwendung-von-Glasprodukten_de_2025-10-10.pdf

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Die  Hochschule München ist mit über 500 Professorinnen und Professoren, 820 Lehrbeauftragten und über 18.500 Studierenden eine der größten Hochschulen für angewandte Wissenschaften Deutschlands. In den Bereichen Technik, Wirtschaft, Soziales und Design bietet sie rund 100 Bachelor- und Masterstudiengänge an. Exzellent vernetzt am Wirtschaftsstandort München, arbeitet sie eng mit Unternehmen und Institutionen zusammen und engagiert sich in praxisnaher Lehre und anwendungsorientierter Forschung. Die HM belegt im Gründungsradar des Stifterverbands deutschlandweit erneut den ersten Platz unter den großen Hochschulen und Universitäten. Neben Fachkompetenzen vermittelt sie ihren Studierenden unternehmerisches und nachhaltiges Denken und Handeln. Ausgebildet im interdisziplinären Arbeiten und interkulturellen Denken gestalten ihre Absolventinnen und Absolventen eine digital und international vernetzte Arbeitswelt mit. In Rankings zählen sie bei Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern zu den Gefragtesten in ganz Deutschland.  hm.edu