Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung e.V. (DPtV)
Die Zukunft der Psychotherapie
DPtV-Symposium 2026 thematisierte psychotherapeutische Versorgung
„Kaum ein Bereich des Gesundheitswesens steht derzeit vor so tiefgreifenden Veränderungen wie die psychotherapeutische Versorgung. Der Bedarf wächst – gleichzeitig verändern sich die gesundheitspolitischen, gesellschaftlichen und finanziellen Rahmenbedingungen“, eröffneten DPtV- Bundesvorsitzende Dr. Christina Jochim und Dr. Enno Maaß, das Symposium 2026 anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Vereinigung in Berlin. Unter der Überschrift „Die Zukunft der Psychotherapie“ wurden zentrale Fragen zur Zukunft der psychotherapeutischen Versorgung in Deutschland thematisiert. Im Mittelpunkt standen die aktuelle Situation der hohen gesellschaftlichen Krankheitslast durch psychische Erkrankungen und der mangelnden Finanzierung, sowie transdiagnostische Ansätze und Chancen und Risiken psychoedukativer Inhalte in sozialen Medien.
Psychische Erkrankungen in Deutschland – eine kritische Reflektion
„Nur jeder sechste Euro geht in der Behandlung psychischer Erkrankungen in die ambulante Psychotherapie. Das sind 1,5 Prozent der Gesamtausgaben der Gesetzlichen Krankenkassen. Daher fragt man sich: Warum muss ausgerechnet hier so sehr gekürzt werden?“, fragte Prof. Dr. Frank Jacobi (Psychologische Hochschule Berlin), der in seinem Vortrag die aktuelle Lage psychischer Erkrankungen bei Erwachsenen sowie bei Kindern und Jugendlichen darstellte. Er beleuchtete epidemiologische Entwicklungen, gesellschaftliche Kosten und die Nutzung psychotherapeutischer und weiterer Versorgungsangebote.
Transdiagnostische Ansätze
„Transdiagnostische Ansätze zeigen die hohen Gemeinsamkeiten psychotherapeutischer Verfahren und können eine Brücke zwischen Forschung und Praxis schlagen“, sagte Dr. Carmen Schäuffele (Freie Universität Berlin). Transdiagnostische Ansätze nähmen gemeinsame Mechanismen verschiedener Störungen in den Blick und ermöglichten damit flexible, evidenzbasierte Interventionen. Anhand von Forschungsergebnissen und Praxisbeispielen verdeutlichte Dr. Schäuffele das Potenzial für unterschiedliche Altersgruppen und zukünftige Versorgungskonzepte.
Dr. TikTok: Psychoedukation und Social Media
„Die Mehrzahl der Videos zu psychischen Erkrankungen auf TikTok sind nicht von professionellen Behandler*innen“, warnte Psychotherapeut Umut C. Özdemir. In seinem Vortrag sprach er über psychoedukative Inhalte auf TikTok und Instagram als neue Zugänge zu Informationen über psychische Gesundheit. Solche Angebote könnten Orientierung geben und den Weg in professionelle Unterstützung erleichtern, bergen aber auch das Risiko von Selbstdiagnosen und Fehlinterpretationen.
„Es gab gute Gründe, Psychotherapie nicht zu budgetieren“
„Psychotherapie ist kein individuelles Problem“, mahnte Prof. Dr. Silvia Schneider (Ruhr-Universität Bochum) in einem Impulsvortrag an. Außerdem betonte sie die Relevanz von Prävention an Schulen. Auf der anschließenden Podiumsdiskussion „Zukunft der Psychotherapie – Psychische Gesundheit unter finanziellem Druck“ diskutierten Moderatorin Sabine Rieser mit Dr. Jochim (DPtV), Prof. Schneider, Thomas Ballast (Techniker-Krankenkasse), Anja Röske (Deutsche Krankenhausgesellschaft) und Dr. Sibylle Steiner (Kassenärztliche Bundesvereinigung) über strukturelle und finanzielle Hürden der Versorgung. „Wir rechnen damit, dass mit der Budgetierung im schlimmsten Fall 25 Prozent weniger Versorgung stattfinden könnte“, warnte Dr. Jochim. „2012 und 2013 gab es gute Gründe, warum man Psychotherapie nicht budgetiert hat. Diese Gründe gelten auch heute noch.“ Kassenvertreter Ballast entgegnete: „Ich möchte nicht in der Haut der Politik stecken. In den nächsten Jahren werden die Ausgaben stärker wachsen als die Einnahmen. Die Beitragssätze sollen aber nicht weiter steigen. Als Politik haben Sie gar nicht so viele Möglichkeiten, darauf zu reagieren.“ Dr. Steiner warnte: „Die Absenkung ist ein fatales Signal für die Versicherten. Die Versorgung wird schlechter werden. Für junge Kolleg*innen stellt sich die Frage, ob sich die Niederlassung lohnt.“ Aus Sicht der Krankenhäuser kritisierte Frau Röske: „Es ist bedauerlich, dass es aus der Politik keine Vorschläge zur Deregulation gibt. Es gibt keine Beinfreiheit, um Effizienzen zu heben, keine Anreize zur Transformation. Es wird nur radikal gekürzt. Wir hoffen, dass da noch einmal nachgelegt wird.“ Prof. Schneider: „In anderen Ländern, etwa Großbritannien, wird kräftig in Psychotherapie investiert. Psychische Erkrankungen sind Grund für viele Folgekrankheiten. Ich verstehe nicht, warum man gerade in diesem Bereich kürzt. Wir müssen in Deutschland endlich das Gesamtproblem sehen.“
Mit mehr als 40.000 Psychotherapeut*innen ist die DPtV die größte Interessenvertretung für Psychologische Psychotherapeut*innen, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen und Psychotherapeut*innen in Ausbildung in Deutschland. Die DPtV engagiert sich für die Anliegen ihrer Mitglieder und vertritt erfolgreich deren Interessen gegenüber Politik, Institutionen, Behörden, Krankenkassen und in allen Gremien der Selbstverwaltung der psychotherapeutischen Heilberufe.
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