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27.06.2019 – 16:04

dpa-Faktencheck

Gesamtkriminalität gesunken - Zahlen zu Morden von Zuwanderern falsch interpretiert

Hamburg (ots)

«Vertuscht» heißt es in der Überschrift: Ein Artikel auf der Online-Plattform «wochenblick.at» unterstellt deutschen Medien, ihre Berichte über den Rückgang der Straftaten in Deutschland im Jahr 2018 seien «gewaltige statistische Lügen». Dabei suggeriert die Website anhand der Zahlen zu Straftaten von Zuwanderern, die Kriminalität in Deutschland habe zugenommen.

BEWERTUNG: Die polizeiliche Sonderauswertung zur Kriminalität im Kontext von Zuwanderung sagt nichts über die Entwicklung der Gesamtkriminalität in Deutschland aus. Zudem zieht der «wochenblick.at»-Artikel aus den BKA-Informationen falsche Schlüsse.

FAKTEN: Anfang April 2018 veröffentlichte das Bundeskriminalamt (BKA) seine jährliche Polizeiliche Kriminalstatistik 2018 (PKS, http://dpaq.de/pKqsF). Dazu gehört auch die Sonderauswertung «Bundeslagebild Kriminalität im Kontext von Zuwanderung» (BLB, http://dpaq.de/PEkIE).

Seinerzeit zeigte sich Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) vom Rückgang der verzeichneten Straftaten erfreut: Die insgesamt 5,4 Millionen Delikte (ohne ausländerrechtliche Verstöße) stellten den niedrigsten Stand seit 1992 dar. «Deutschland ist eines der sichersten Länder der Welt», sagte er («Welt»-Artikel: http://dpaq.de/fFO0U)

Die Kriminalstatistiker differenzieren durchaus (PKS, S. 10): Während die Zahl bestimmter Straftaten anstieg (wie etwa Widerstand gegen die Staatsgewalt, Verbreitung pornografischer Schriften oder Rauschgiftdelikte), ging sie bei anderen zurück (wie etwa bei Vergewaltigungen, Einbrüchen oder Straßenkriminalität). Unterm Strich waren es weniger Straftaten als im Jahr zuvor.

Die Website «wochenblick.at» bezieht sich in ihrer «Vertuscht»-Behauptung allerdings nicht auf die gesamte Kriminalstatistik, sondern nur auf zwei besondere Fallkonstellationen (BLB, S. 52/53): Das Opfer ist deutsch, tatverdächtig sind Ausländer - oder anders herum. Andere Beziehungen - wie etwa deutscher Tatverdächtiger und deutsches Opfer - beachten die Autoren des Artikels nicht. Zudem unterscheiden sie in ihrer Argumentation nicht ausreichend zwischen Zuwanderern und Ausländern. Letztere sind eine deutlich größere Gruppe, dazu gehören etwa auch Briten und Schweden.

«wochenblick.at»-Artikel zieht außerdem aus den BKA-Informationen falsche Schlüsse. Beispielhaft nimmt dpa die Zahlen zu Morden genauer unter die Lupe:

Die Autoren schreiben mit Verweis auf das BLB, dass «die Anzahl der Morde an Deutschen durch die Gruppe der Zuwanderer gegenüber 2017 um beängstigende 105 Prozent» angestiegen sei. Aus der Erläuterung des BKA wird deutlich, dass eine solche Lesart der Zahlen falsch ist.

Das BKA gibt durchaus an, dass 2018 im Bereich Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen 230 Deutsche einer Straftat zum Opfer fielen, an der mindestens ein tatverdächtiger Zuwanderer beteiligt war. «Das ist ein Anstieg um 105 Prozent.»

Das BKA gibt klar an, dass diese 230 Deutschen großteils Opfer von Versuchen waren, 102 waren Opfer vollendeter Taten. Das bedeutet aber auch nicht, dass 102 Deutsche von Zuwanderern ermordet wurden. Bei einem vollendeten Delikt werden im BLB alle von der Tat betroffenen Opfer erfasst. Man wird also auch als Opfer gezählt, wenn ein anderer bei einer Straftat ermordet, man selbst dabei aber nur verletzt wird.

Wie das BKA erklärt, ist der deutliche Anstieg deutscher Opfer 2018 durch den Anschlag am Berliner Breitscheidplatz vom 19. Dezember 2016 zu erklären, der erst jetzt in der Statistik erfasst wurde. In der Statistik wurde die Attacke als vollendete Tat gewertet. Auf dem Weihnachtsmarkt gab es 81 deutsche Opfer, sechs davon wurden getötet und 75 verletzt.

Bei allem muss bedacht werden, dass es sich bei PKS und BLB um Statistiken zu Tatverdächtigen handelt. Ob diese später als Täter verurteilt wurden, ist daraus nicht erkennbar.

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Links:

Lagebericht beim Bundeskriminalamt: http://dpaq.de/PEkIE

PKS beim Bundeskriminalamt: http://dpaq.de/pKqsF

Artikel bei wochenblick.at: http://dpaq.de/Himfp

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Kontakt zum dpa-Faktencheckteam: faktencheck@dpa.com

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