Zentralrat Deutscher Sinti und Roma
Europäischer Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma – 82. Jahrestag am 2. August 2026
Ein Dokument
Die Kinder, kranken und alten Menschen hatten keine Chance zu überleben: In der Nacht des 2. August 1944 wurden die 4300 Sinti und Roma im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau von der SS – trotz heftigen Widerstands – in die Gaskammern getrieben und ermordet. Zum 82. Jahrestag der Auflösung des Lagerabschnitts, in dem die Angehörigen der Minderheit zusammengepfercht worden waren, haben der Zentralrat sowie das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma gemeinsam mit dem Verband der Roma in Polen und dem Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau am 2. August den Opfern am Ort des Menschheitsverbrechens gedacht.
Das Europäische Parlament erklärte den 2. August im Jahr 2015 in Erinnerung an die 500.000 Angehörigen der Minderheit, die im NS-besetzten Europa ermordet wurden, zum Europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma.
„Wenn ich heute in die Welt blicke, fehlen mir die Worte, um meine Verzweiflung darüber zum Ausdruck zu bringen, dass wir Menschen nichts aus der Geschichte gelernt haben“, sagte Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma, bei der zentralen Gedenkveranstaltung. „Denn auch heute wird wieder gegen das Völkerrecht verstoßen: in der Ukraine, im Nahen Osten und an vielen anderen Orten dieser Welt.“
Doch nicht nur das: „Mit Schrecken sieht unsere Minderheit das Erstarken eines wiedererwachten und gewaltbereiten Antiziganismus in Deutschland, aber auch in anderen Ländern Europas. Diese Entwicklung vollzieht sich nicht im luftleeren Raum. In ganz Europa erleben wir Wahlerfolge rechtsextremer und nationalistischer Parteien, die Hass und Hetze wieder salonfähig machen.“
Die bedrohliche Situation für Sinti und Roma in Deutschland belegen auch die Zahlen der unabhängigen Melde- und Informationsstelle Antiziganismus, betonte Romani Rose.
Erschreckend sei, dass dieser hassgeleitete Antiziganismus gegen die Minderheit nicht nur vom rechten Spektrum, sondern auch von staatlichen Institutionen, wie zum Beispiel den Polizeibehörden in Niedersachsen, die Sinti und Roma auf der Grundlage des von den Nazis geprägten Rassebegriffs wieder kriminalisieren und erfassen würden. „Ich erwarte, dass der deutsche Rechtsstaat diese skandalöse Praxis – 82 Jahre nach Auschwitz – beendet!“, forderte der Vorsitzende des Zentralrates.
Dem Antiziganismus sei jedoch nicht nur mit dem Strafrecht zu begegnen, sondern auch mit Prävention durch Bildung und Aufklärung. „Es ist ein Skandal, dass die größte Minderheit Europas mit 10 bis 12 Millionen Menschen in den Schulbüchern ihrer Heimatländer kaum vorkommt.“ Aus diesem Grund hat Romani Rose bei der Gedenkveranstaltung einen Appell an die Mitgliedsstaaten des Europarates und der Europäischen Union übergeben, in dem der Zentralrat darum bittet, in den Bildungseinrichtungen aufklärend über die jahrhundertealte Geschichte von Sinti und Roma in ihren Heimatländern zu informieren und auf ihre Beiträge zu Kunst, Musik und Kultur hinzuweisen.
Der Holocaust-Überlebende Dieter Flack erinnerte an seine Angehörigen, die im Mai 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert und wenige Wochen später vergast wurden. Seine Familie konnte sich durch Flucht vor den NS-Schergen retten und versteckte sich über Monate in Wäldern. Der 85-Jährige wandte sich in seiner Rede insbesondere an junge Menschen: „Nutzt jede Gelegenheit, Euch weiterzubilden, lernt vor allem Sprachen und lernt andere Länder und Kulturen kennen. Denn das trägt dazu bei, Vorurteile abzubauen und ein Klima der Toleranz und Akzeptanz zu schaffen.“ Angesichts der Wahlerfolge rechtsextremer Parteien in Deutschland und Europa rief der Sinto dazu auf, dass „antiziganistische Klischees durch Wissen über unsere Geschichte und unsere kulturellen Leistungen ersetzt werden müssen. Sonst bleibt ,Nie wieder‘ nur ein leeres Schlagwort.“
Für die deutsche Bundesregierung betonte der Parlamentarische Staatssekretär Michael Brand in seiner Funktion als Beauftragter der Bundesregierung gegen Antiziganismus und für das Leben der Sinti und Roma in Deutschland: „Wir stellen uns der Verantwortung für den Holocaust an über 500.000 Sinti und Roma unter dem Terror des Nazi-Regimes in Europa. Dazu gehört, dass wir Diskriminierung auf allen Ebenen aktiv bekämpfen und uns dafür einsetzen, dass gerade die positiven Beispiele des Miteinander von Sinti und Roma mit den jeweiligen Gesellschaften stärker hervorgehoben werden. Am Umgang mit Minderheiten zeigt sich die Haltung und Stärke einer offenen Gesellschaft. Bessere Integration und ein Miteinander führen zur Stärkung von Gemeinsamkeit. So halten wir die Erinnerung wach, handeln und stärken die Gemeinsamkeit für die Zukunft.“
Die europäische Perspektive beleuchtete Isabelle Berro-Amadei, Präsidentin des Ministerkomitees des Europarates und Ministerin für auswärtige Angelegenheiten und Zusammenarbeit von Monaco: „Die Erinnerung zu bewahren, hat nur dann einen Sinn, wenn sie unser Handeln in der Gegenwart inspiriert. Der monegassische Vorsitz im Ministerkomitee hat die Menschenwürde, den Dialog und die Verteidigung der europäischen Grundwerte in den Mittelpunkt seiner Prioritäten gestellt. In einem internationalen Kontext, der durch das Wiederaufleben von Hassreden, Extremismus und Versuchen, die Geschichte umzuschreiben, geprägt ist, ist es unsere gemeinsame Aufgabe, die Grundsätze, auf denen unsere Demokratien beruhen, erneut zu bekräftigen.“
Und Petra Bayr, Präsidentin der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, ergänzte: „Roma und Sinti sind noch immer die größte Minderheit Europas. Und in viel zu vielen Ländern sind sie weiterhin Diskriminierung ausgesetzt. Beim Wohnen. In den Schulen. Auf dem Arbeitsmarkt. Beim Zugang zur Justiz. Sie werden oft als Erste beschuldigt. Und als Letzte gehört. Antiziganismus endete nicht im 20. Jahrhundert. Er ist noch immer da. Manchmal laut. Häufiger jedoch leise, verborgen in unseren Institutionen.“
Deshalb nimmt sie auch den Europarat in die Pflicht: „Eine Institution, die auf der Würde des Menschen gegründet ist, darf sich von einer ihrer größten Gemeinschaften nicht abwenden.“
Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma https://dokuzentrum.sintiundroma.de/ Tel.: 06221 981102