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„Es ist an der Zeit, das Potenzial neuer Gentechnikmethoden zu nutzen.“

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„Es ist an der Zeit, das Potenzial neuer Gentechnikmethoden zu nutzen.“

Der Pflanzenwissenschaftler Thomas Ott im Interview zur bevorstehenden Abstimmung des EU-Parlaments über die Regulation neuer Gentechnikmethoden in der Pflanzenzucht.

Herr Professor Ott, am kommenden Mittwoch stimmt der Ausschuss für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (ENVI) im EU-Parlament über die Regulation neuer Gentechnikmethoden in der Pflanzenzucht ab. Worum geht es dabei genau?

Der Ausschuss stimmt darüber ab, ob sich das geltende Regulierungsverfahren für sogenannte NGT-1-Pflanzen ändern soll. Bisher unterliegen diese dem Gentechnikgesetz. Nun geht es um die Frage, ob sie aus diesem Recht herausgenommen werden sollen. Dann wären sie Pflanzen gleichgestellt, die durch klassische Züchtungsmethoden erzeugt wurden. Das hat Auswirkungen darauf, ob sie in Europa angebaut und als Nahrungsmittel vermarktet werden dürfen. NGT-1-Pflanzen sind Pflanzen, die durch neue Gentechnikmethoden (New Genomic Techniques; NGT) erzeugt wurden, die aber kein artfremdes Erbgut enthalten. Dazu gehören beispielsweise Pflanzen, in denen mit Hilfe der Genschere CRISPR/Cas gezielt Punktmutationen in einzelnen Genen erzeugt wurden, um zum Beispiel den Ertrag der Pflanzensorte zu erhöhen.

Weshalb gelten bisher strengere Zulassungsbestimmungen für NGT-1-Pflanzen?

Die Unterscheidung beruht auf einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs aus dem Jahr 2018. Sie besagt, dass NGT-1-Pflanzen als gentechnisch veränderte Organismen (GVO) eingestuft werden. Das bedeutet, dass sie genauso streng reguliert werden wie NGT-2-Pflanzen, also Pflanzen, in denen zum Beispiel ganze Gene entfernt oder artfremde Gene eingefügt wurden. Die EU hat das damals damit begründet, dass alle Veränderungen im Erbgut, die mithilfe neuer Gentechnikmethoden eingeführt wurden, nicht „auf natürliche Weise“ auftreten würden. Es gibt aber einen ganz klaren wissenschaftlichen Konsens darüber, dass diese Aussage für NGT-1-Pflanzen nicht haltbar ist. Und deshalb wird das jetzt erneut in der EU diskutiert.

Was sind die möglichen Auswirkungen der Abstimmung?

Für die europäische Landwirtschaft wird es erhebliche Auswirkungen haben. Denn eine Zulassung von NGT-1-Technologien kann den Züchtungsprozess rapide beschleunigen, was sehr wichtig wäre. Denn aktuell ist es so, dass es zehn bis fünfzehn Jahre dauert, bis eine Pflanzensorte, die durch konventionelle Züchtung entwickelt wurde, auf den Markt kommt. Und dieser Prozess ist auch notwendig, um bereits existierende Sorten an die neuen Herausforderungen in der Landwirtschaft anzupassen – sei es der Klimawandel oder die Notwendigkeit, für die globale Ernährungssicherung höhere Erträge zu erzielen. Diese Entwicklungen lassen sich durch NGT-1-Technologien extrem verkürzen. Es ist daher an der Zeit, das Potenzial neuer Gentechnikmethoden zu nutzen.

Was erwarten Sie von dem Abstimmungsergebnis?

Ich hoffe, dass die Abgeordneten auf Basis der wissenschaftlichen Daten entscheiden werden. Denn es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass NGT-1-Pflanzen in irgendeiner Weise unsicherer sind als Pflanzen, die durch konventionelle Züchtung erzeugt wurden. Man muss sich auch vor Augen führen, dass bei der konventionellen Züchtung sogar viel, viel mehr Veränderungen im Erbgut erzeugt werden. Trotzdem gehe ich davon aus, dass es ein sehr knappes Abstimmungsergebnis geben wird. Ich hoffe aber, dass es positiv ausgeht und NGT-1-Pflanzen in Zukunft nicht mehr unter das Gentechnikgesetz fallen.

Sie selbst sind in der Grundlagenforschung tätig und untersuchen molekulare Signalprozesse in Pflanzen. Hat die Abstimmung im EU-Parlament Einfluss auf Ihre Forschung und deren Anwendung?

Nicht sofort. Denn das, was wir im Labor untersuchen, wird morgen noch nicht auf dem Feld stehen. Langfristig wird es aber sehr wohl Auswirkungen haben. Zum einen darauf, ob wir unsere Forschung anwendungsorientiert ausrichten können. Also, ob wir weiterhin versuchen, die Ergebnisse, die wir in der Grundlagenforschung erzielen, auch in Anwendungen zu übersetzen. Ich bin davon überzeugt, dass diese Translation von Ergebnissen aus der Grundlagenforschung extrem wichtig dafür ist, um Innovationen voranzutreiben. Der zweite Punkt ist die Frage, inwieweit wir uns in Verbünde einbringen können, die das Ziel haben, Pflanzen mit Hilfe gentechnischer Verfahren robuster zu machen, zum Beispiel gegenüber Umwelteinflüssen. Sollte die Entscheidung so ausfallen, dass NGT-1-Pflanzen streng reguliert bleiben, ist damit zu rechnen, dass sich die europäische Förderlandschaft langfristig von dieser Art der Forschung distanziert. Das würde bedeuten, dass wir dieses Forschungsfeld mit all seinem Potenzial anderen überlassen. Damit würden wir die Gelegenheit verschenken, unsere Landwirtschaft selbstständig robuster und nachhaltiger zu gestalten, eine Chance, die wir unbedingt ergreifen sollten.

Prof. Dr. Thomas Ott ist Mitglied des Exzellenzclusters CIBSS – Centre for Integrative Biological Signalling Studies der Universität Freiburg. Er erforscht die Symbiose zwischen bestimmten Pflanzenarten und Stickstoff-fixierenden Bakterien. Seine Forschungsergebnisse schaffen Grundlagen für die zukünftige Entwicklung selbstdüngender Pflanzen, die das Potenzial haben, den Einsatz von Industriedünger weltweit zu reduzieren. Er ist außerdem Mitglied des internationalen Forschungsverbunds ENSA, der die Machbarkeit einer solchen Entwicklung untersucht.

Thomas Ott steht gerne für Medienanfragen zur Verfügung.

Kontakt:Hochschul- und WissenschaftskommunikationUniversität FreiburgTel.: 0761/203-4302E-Mail: kommunikation@zv.uni-freiburg.de

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