Der Meeresspiegel in Küstengebieten ist höher als bisher angenommen
Der Meeresspiegel in Küstengebieten ist höher als bisher angenommen
Studien zu den Auswirkungen des steigenden Meeresspiegels auf Küstenregionen beziehen sich häufig auf einen angenommenen statt auf den tatsächlich gemessenen Meeresspiegel. Ein deutsch-niederländisches Forschungsteam stellt eine korrigierte Berechnung zur Verfügung, um die Folgen für Küstenregionen weltweit neu zu bewerten / Veröffentlichung in „Nature“
Der Meeresspiegel entlang der Küstenlinien der Welt ist viel höher als bisher oftmals angenommen. In den am stärksten betroffenen Regionen wie Südostasien und dem Indopazifik liegt er sogar etwa 1 bis 1,5 Meter höher als das Niveau, von dem bisherige wissenschaftliche Beurteilungen zu Küstengefahren ausgehen. Das zeigt eine von den Geograph*innen Dr. Philip Minderhoud (Wageningen University & Research) und Katharina Seeger (Universität zu Köln) geleitete Untersuchung. Die Ergebnisse legen nahe, dass die zugrunde liegende Methodik fast aller früheren Studien zu Küstengefahren neu bewertet und in den meisten Fällen aktualisiert werden muss. Der Artikel „Sea level much higher than assumed in most coastal hazard assessments“ wurde im Fachjournal Nature veröffentlicht.
Minderhoud und Seeger stellten fest, dass die meisten Küstenimpaktstudien einen Referenzmeeresspiegel verwenden, der im weltweiten Durchschnitt niedriger ist als der tatsächliche Meeresspiegel entlang der Küste. Die Forschenden berechneten die Differenz zwischen der Höhe des Küstenlandes und dem küstennahen Meeresspiegel weltweit und verglichen ihre Ergebnisse mit 385 aktuellen wissenschaftlichen Publikationen. Sie stellten fest, dass mehr als 90 Prozent dieser Studien keine Meeresspiegelmessungen verwendeten, sondern lediglich Landhöhenmessungen, deren Höhen auf sogenannte globale Geoidmodelle bezogen sind. Dabei handelt es sich um Modelle, die eine Schätzung des globalen Meeresspiegels auf der Grundlage der Schwerkraft und Rotation der Erde liefern. „Der Meeresspiegel wird allerdings durch zusätzliche Faktoren wie Winde, Meeresströmungen, Gezeiten sowie die Temperatur und den Salzgehalt des Meerwassers beeinflusst“, erklärt Minderhoud. „Die tatsächliche Höhe kann daher abweichen.“
Satelliten liefern weltweit verfügbare Messungen sowohl der Landhöhe als auch des Meeresspiegels, letztere mit einer Genauigkeit von nur wenigen Zentimetern. „Allerdings werden Land- und Meeresspiegel mit unterschiedlichen Satelliten gemessen, oft in Bezug auf ein unterschiedliches Geoid, was die Kombination der Informationen nicht einfach macht“, sagt Seeger. „Als wir genaue Meeresspiegelmessungen korrekt mit der Landhöhe integrierten, stellten wir fest, dass der Meeresspiegel an vielen Orten der Welt erheblich höher ist, als es Geoidmodelle vermuten lassen.“
Das Team dokumentiert, dass in den meisten Wirkungsstudien eine Diskrepanz zwischen dem angenommenen und dem tatsächlich gemessenen Meeresspiegel besteht. „Infolgedessen unterschätzen diese Studien, die den tatsächlichen Meeresspiegel nicht angemessen berücksichtigen, die Größe und Gefährdung der Küstengebiete und deren Bevölkerung weltweit“, erläutert Seeger. „Unsere korrigierten Berechnungen zeigen, dass bei einem relativen Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter 37 Prozent mehr Fläche und 68 Prozent mehr Menschen – bis zu 132 Millionen – unter Meeresspiegelniveau fallen werden, als frühere geoid-basierte Bewertungen vermuten ließen.“
Diese Erkenntnisse könnten die Sichtweise auf die Notwendigkeit von Anpassungs- und Schutzmaßnahmen an den Küsten verändern. Minderhoud erklärt: „Wenn der Meeresspiegel in Wirklichkeit höher ist als bisher angenommen, werden die Auswirkungen des Meeresspiegelanstiegs in den betroffenen Regionen früher eintreten als bisher prognostiziert.“ Bisher ist noch unklar, inwieweit die Unterschätzung dieser Auswirkungen in wissenschaftlichen Studien Eingang in die Politik und deren Umsetzung gefunden hat. Seeger sagt: „Um zukünftige Forschungen zu unterstützen, stellen wir alle methodischen Schritte zur Verfügung, die erforderlich sind, um die Korrekturen zur Integration von Meeresspiegeldaten und Küstenhöhe vorzunehmen. Wir stellen auch gebrauchsfertige Küstenhöhendaten für die ganze Welt bereit, in denen die neuesten Meeresspiegelmessungen korrekt integriert sind.“ Minderhoud fügt hinzu: „Nachdem wir diesen blinden Fleck aufgedeckt haben, hoffen wir, dass unsere Methodik zum neuen Standard wird, mit dem die globale Forschungsgemeinschaft genauere Bewertungen der Auswirkungen von Küstengefahren erstellen kann. Dies wird dazu beitragen, zu bestimmen, welche Gebiete der Welt am stärksten vom zukünftigen Meeresspiegelanstieg betroffen sind und wo Strategien zur Anpassung der Küsten am dringendsten benötigt werden.“
Inhaltlicher Kontakt:
Katharina Seeger
Institut für Geographie
Video:
https://vimeo.com/1162103411/bf1308bb65
Veröffentlichung:
https://doi.org/10.1038/s41586-026-10196-1
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