Aktionsbündnis "Tiere gehören zum Circus"

Der Elefantenunfall von Osnabrück: Das sagen die Experten

Aktualisierte Fassung der Presseinformation vom 16.07.2018

Kirchheimbolanden, 02.08.2018 - Bei der Premiere des Circus Krone in Osnabrück (04.07.2018) kam es bei der Elefantendarbietung zu einem Unfall: Ein Elefant griff unvermittelt einen seiner Artgenossen an, drängte ihn bis zum Rand der Manege, so dass dieser das Gleichgewicht verlor und in den Zwischenraum zwischen Piste und Logen stürzte. Die Einfassung der Loge wurde dabei verschoben. Ein Zuschauer trug eine Schürfwunde am Bein davon. Der angegriffene Elefant erlitt mehrere Blutergüsse und Hautabschürfungen. Nach dem Sturz ließen sich die Elefanten von ihren Tierlehrern sehr schnell wieder beruhigen. Letzteres spricht für ein gutes, vertrauensvolles Tier-Mensch-Verhältnis.

Die ehemalige Direktorin des Osnabrücker Zoos Susanne Klomburg und die Amtstierärztin Jutta Breuer vom Veterinäramt Osnabrück studierten den Vorfall anhand eines Videos und deuteten ihn als Rangordnungskampf. "In der Wildnis sind solche Attacken bei Hierarchiestreitigkeiten nichts Ungewöhnliches, und wahrscheinlich haben wir genau das gestern in der Manege erlebt", erklärte die Amtstierärztin im Gespräch mit der Neuen Osnabrücker Zeitung (1). Die Zirkuschefin Jana Lacey-Krone vermutet, dass die Sozialstruktur der Herde durch den Tod der Leitkuh Dehli Ende letzten Jahres durcheinander geraten ist und dadurch die Auseinandersetzungen ausgelöst wurden.

Bei einem Kontrollgang am Tag nach dem Unglück stellte die Amtstierärztin fest, dass alle fünf Elefanten wohlauf seien, "wobei die gestürzte Elefantenkuh natürlich noch an einigen Blessuren laboriert", und sprach in Bezug auf die Elefanten von "guten Stallbedingungen". Die Anschuldigungen der Tierrechtler bezüglich Haltung und Dressur habe sie bei ihrer Visite nicht bestätigt gefunden. Das Verhältnis zwischen den Tieren und den Mitarbeitern des Circus Krone bezeichnete sie als professionell und harmonisch. (1)

Leider instrumentalisiert die Tierrechts- und Tierschutzszene den Unfall, um erneut die schon mehrfach abgelehnte Forderung nach einem Wildtierverbot für Zirkusse zu erheben. Bedingt durch die Haltung und das Training, würden die Elefanten unter Stress stehen, und dieser Stress habe sich dann in der Gruppe entladen und den Unfall verursacht.

Mit dieser Deutung setzen sich die Tierrechtler/-schützer nicht nur über das Urteil der oben genannten Experten hinweg, sondern auch über alles, was wir über Zirkustiere wissen. Immer wieder sind Wissenschaftler durch Verhaltensbeobachtungen zu dem Ergebnis gekommen, dass Zirkustiere grundsätzlich nicht gestresst sind. Zuletzt hat der Verhaltensbiologe Immanuel Birmelin herausgefunden, dass Löwen in der Transport- und Vorführsituation und Elefanten in der Transportsituation keine erhöhten Werte des Stresshormons Cortisol aufweisen. Weitere Cortisol-Messungen stehen noch aus. Auch die Elefanten des Circus Krone wirken nicht gestresst, sondern ausgeglichen und entspannt (wenn man mal von dem Verhalten während des Unfalls absieht) und lassen keine Aggressionen gegenüber ihren menschlichen Betreuern erkennen. Dies ist, wenn man sich die Lebensumstände der Krone-Elefanten genauer ansieht, auch nicht verwunderlich. Die Tiere halten sich tagsüber in Freigehegen auf, in denen sie die Möglichkeit haben, ihr Sozialverhalten auszuleben und sich auf vielfältige Weise zu beschäftigen, nämlich mit großen Sandhaufen, die durch Anfeuchtung in Suhlen verwandelt werden können, mit frischem Laubschnitt, Scheuerbäumen, Teilen von Baumstämmen und Spielsachen. Verhaltensbiologen sind davon überzeugt, dass ein solches Beschäftigungsangebot die physische und psychische Gesundheit der Tiere fördert, und bezeichnen Maßnahmen dieser Art als "Behavioral enrichment" (Verhaltensanreicherung). Das Training in der Manege (Erlernen von Stimulus-Response-Assoziationen) ist, wie zahlreiche Fachleute betonen, als sinnvolle Ergänzung zum "Behavioral enrichment" anzusehen.

Wenig überzeugend ist auch der Versuch der Tierrechtler/-schützer, ihre Verbotsforderungen mit dem Argument der Gefahrenabwehr zu begründen. Denn niemals zuvor in der 113-jährigen Geschichte des Circus Krone hat sich ein solcher Vorfall oder etwas Ähnliches ereignet, niemals zuvor ist ein Besucher durch Tiere zu Schaden gekommen. Nach der Analyse stellt sich der Unfall als singuläres Ereignis da, dessen Wiederholung nicht zu erwarten ist und vor dem die Zirkusbesucher folglich keine Angst haben müssen.

Bis auf Weiteres wird im Circus Krone nur die Elefantenkuh Bara auftreten, die bereits im letzten Winterprogramm mit einer Solokür das Publikum begeisterte. Die Tierlehrer des Circus Krone werden in der nächsten Zeit das Verhalten der Elefanten im Freigehege sehr genau beobachten und daraus die notwendigen Schlussfolgerungen ziehen.

Text geschrieben von: Dirk Candidus

(1) Zitate von Jutta Breuer sind folgendem Artikel entnommen: "Streit um Rang in der Herde" in: Neue Osnabrücker Zeitung vom 06.07.2018. https://www.facebook.com/zirkuskrone/photos/a.249838298645.172470.249774708645/10156809809868646/?type=3&theater

Quellen zum aktuellen Unfall:

Artikel "Heftige Debatte nach Elefantensturz in Manege" auf der Homepage des NDR. https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/osnabrueck_emsland/Heftige-Debatte-nach-Elefantensturz-in-Manege,elefant472.html

Artikel "Streit um Rang in der Herde" in: Neue Osnabrücker Zeitung vom 06.07.2018. https://www.facebook.com/zirkuskrone/photos/a.249838298645.172470.249774708645/10156809809868646/?type=3&theater

Quellen zur Frage, ob Zirkustiere unter Stress stehen (Auswahl):

Birmelin, Immanuel; Albonetti, Tessy; Bammert, Wolfgang J.: Können sich Löwen an die Haltungsbedingungen von Zoo und Zirkus anpassen? In: Amtstierärztlicher Dienst und Lebensmittelkontrolle, Nr. 4/2013, S. 244. http://www.tiere-gehoeren-zum-circus.de/birmelin-albonetti-studie.pdf

Vortrag von Immanuel Birmelin über Circus-Elefanten (Zusammenfassung). http://www.tierverhaltensforschung-birmelin.de/aktuelles/the-use-of-salivary-cortisol-to-assess-the-welfare-of-elephants.html

Kiley-Worthington, Marthe: Animals in Circuses and Zoos. Chiron´s world? Basildon 1990. http://the-shg.org/Kiley_Worthington/index.htm

Quellen zum Thema "Behavioral enrichment" (Auswahl):

Albonetti, Tessy: Mehr Abwechslung für Circustiere. Ein Gastbeitrag der Verhaltensbiologin Tessy Albonetti. In: Circuszeitung 03-2018, Recklinghausen, März 2018, S. 28-29.

Hediger, Heini: Beobachtungen zur Tierpsychologie im Zoo und im Zirkus, Basel 1961, Kapitel "Spiel und Dressur", S. 308-323.

Kiley-Worthington, a. a. O.

Zeeb, Klaus: Statement "Haltung und Beschäftigung von Tieren im Circus" auf der Homepage von Prof. K. Zeeb. http://www.zeeb-tierfilme.de/zeeb_tierfilme/artikel_und_aufsaetze/

Fotos:

Elefanten des Circus Krone im Freigehege (aufgenommen von Dirk Candidus).

Pressekontakt:

Dirk Candidus, Aktionsbündnis "Tiere gehören zum Circus".

Telefon: 0176/84627788

Facebook: https://www.facebook.com/AktionsbuendnisCircustiere

Homepage: http://www.tiere-gehoeren-zum-circus.de

Email: presse@tiere-gehoeren-zum-circus.de


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