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Westfalen-Blatt: Thailand: Eine Demokratie reibt sich auf

Bielefeld (ots) - Er trägt ein T-Shirt mit dem Konterfei Mahatma Gandhis und lässt sich von Soldaten abführen. Jatuporn Prompan ist einer der Führer des Rothemden-Protests, die gestern mit ihrer freiwilligen Aufgabe ein Massaker in Thailands Hauptstadt verhindert haben. Das muss anerkannt werden. Dennoch ist das Bild aus Bangkok leider schief. Denn es hätte nicht zu dem Militäreinsatz kommen müssen. Vielmehr haben die Aufständischen ihren Teil zur Eskalation im Ringen mit einer ohne Frage längst nicht mehr rechtsstaatlich blitzblanken Führung beigetragen. Premierminister Abhisit Vejjajiva hatte vor 14 Tagen Neuwahlen angeboten. Das reichte den Radikalsten unter den Rothemden nicht. Gemäßigtere zogen sich daraufhin in den Norden Thailands zurück. Stärker auf Krawall gebürstete Kräfte bis zu den anarchistisch orientierten Schwarzhemden rückten dafür ins Geschäftszentrum der Hauptstadt nach. Die jetzige Zuspitzung hilft letztlich niemandem. Die Hardliner auf Regierungsseite können selbstgewiss behaupten, man hätte viel eher durchgreifen müssen. Auf der anderen Seite wird mit jedem Toten und jeder Festnahme in diesen Stunden der Keim für mehr und breitere Unzufriedenheit gelegt. Gestern war nicht übersehbar, ob Bürgerkrieg herrscht, ob landesweit Gewalt und Chaos drohen oder doch alles nur ein gewaltiges punktuelles Rauchzeichen in Zeiten medialer Fokussierung bleibt. Tatsache ist, dass die Wahlverlierer und Anhänger des früheren Thaksin Shinawatra ihre Unzufriedenheit mit in die Provinz nehmen. Radikalisierte Anhänger unter den Rothemden haben von der Macht gespürt, die Sabotage und Nadelstiche verleihen. In diesen Stunden wird sich zeigen, ob aus dem anfänglichen Katz-und-Maus-Spiel auf Dauer ein blutiges Gemetzel zwischen schwer bewaffneten Militärs und testosterongeleiteten Hitzköpfen wird. Ein Schnappschuss von einem buddhistischen Barfuß-Mönch mit Stahlhelm dokumentiert die Verwischung aller Kategorien. Die Erfahrung mit Konflikten zwischen solcherart ungleichen Gegnern zeigt, dass der Weg zurück nur äußerst schwierig ist. Eine immerhin gewählte legitime Regierung, die Versöhnung schwer macht, ein König, der in Wahrheit mehr Furcht als Vaterlandsliebe hat, und Militärs, deren Zuverlässigkeit bis gestern hielt, aber keinesfalls sicher ist, lassen fast nur den einen Schluss zu: Die Instabilität einer in Teilen zu Wohlstand gelangten Gesellschaft und die raffinierte Inszenierung verschiedenster Formen von zivilem Ungehorsam treiben das Land in die Katastrophe. Mit Gandhis Strategie des gewaltlosen Widerstands hat das Konzept der Rothemden nichts zu tun. Ein echtes politisches Programm über die Rehabilitierung Thaksin Shinawatras hinaus haben sie jedenfalls nicht. Die Welt scheint eine einst feste Demokratie verloren zu haben.

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