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Börsen-Zeitung: Trau, schau, wem, Kommentar zum Brexit von Andreas Hippin

Frankfurt (ots) - Aufgabe eines Buchmachers ist nicht, die Realität abzubilden, sondern Gewinn zu erwirtschaften. Zu den großen Absonderlichkeiten des britischen Referendums über die EU-Mitgliedschaft gehört, in welchem Maße man an den Finanzmärkten auf die Weisheit der Wettanbieter setzt. An der mangelnden Treffsicherheit der Meinungsumfragen allein kann das nicht liegen. Vermutlich sieht man die Parallelen zum eigenen Geschäft. Dann stellt sich allerdings die Frage, warum man an der Fiktion festhält, dass jemand, der Geld auf irgendetwas setzt, sich das vorher gut überlegt hat. Schließlich sprechen die immer wiederkehrenden Finanzkrisen dafür, dass davon oft keine Rede sein kann.

Zudem wäre ein bisschen mehr Due Diligence angebracht, denn wenn man sich den Markt für Brexit-Wetten genauer ansieht, stellt man fest, dass lediglich um die 20 Mill. Pfund gesetzt worden sind. Angesichts der Tragweite der bevorstehenden Entscheidung und des weit verbreiteten Glaubens an die Aussagekraft der Quoten der Buchmacher sollte man davon ausgehen, dass jemand versuchen wird, sie in seinem Sinne zu bewegen - zumal dafür kein besonders hoher Einsatz erforderlich wäre. Es wäre billiger und effizienter als eine PR-Kampagne für den Verbleib oder Austritt aus der Staatengemeinschaft. Aber auch Finanzakrobaten eröffnet die Möglichkeit, auf diese Weise indirekt an den Kursen am Finanzmarkt zu drehen, attraktive Gewinnchancen.

Wie das gehen soll? Wer ein paar Mal vergleichsweise große Beträge zum Wettbüro trägt, kann die Quote in eine bestimmte Richtung treiben, denn der Buchmacher will kein Geld verlieren. Am besten macht man das lange vor dem fraglichen Ereignis, denn die meisten Wetten werden in der Regel kurz davor abgegeben. Theoretisch wäre das durchaus möglich, räumt man in der Branche ein. Man habe dafür aber keine Anhaltspunkte. Es gebe zahlreiche Anbieter und Schutzmaßnahmen gegen Manipulation.

Buchmacher gingen mit Blick in ihre Kassen schon früh von einem Sieg von "Remain" aus. Die Quoten ähneln sich. Drei Viertel des bei William Hill abgegebenen Geldes wurden auf den Verbleib gesetzt. Bei der Zahl der Einzelwetten war das Verhältnis umgekehrt. Drei Viertel der Kunden setzten auf den Brexit. Bei den Wahlen im vergangenen Jahr hatten die Wettanbieter den Erdrutschsieg David Camerons so nicht auf der Rechnung. Zu den spannenden Fragen des heutigen Tages gehört, wie viel Vertrauen man ihnen künftig noch entgegenbringen wird.

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