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25.04.2004 – 11:00

ZDF

ZDF-Pressemitteilung / Wirklichkeitsbezug bedeutet Verantwortung / Eröffnungsvortrag von Prof. Schmidt (Münster) bei den Mainzer Tagen

    Mainz (ots)

Wirklichkeitsbezug bedeutet Verantwortung Eröffnungsvortrag von Prof. Schmidt (Münster) bei den Mainzer Tagen

Es gibt keine saubere Trennung zwischen Fakten und Fiktion. Von den Medien vermittelte Wirklichkeit ist immer und unausweichlich Medienwirklichkeit. Die Antwort auf die Frage nach dem Wirklichkeitsbezug des Fernsehens heißt deshalb Verantwortung. Das sind Kernaussagen des Münsteraner Kommunikationswissenschaftlers Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt aus seinem Eröffnungsreferat "Fernsehwirklichkeit: Eine systematisch verzerrte Debatte" bei den diesjährigen Mainzer Tagen der Fernseh-Kritik. Sie finden am 26. und 27. April im Mainzer ZDF-Sendezentrum statt.

Die Frage nach dem Wirklichkeitsbezug des Mediums Fernsehen ist offenbar, allen Bemühungen zum Trotz, immer noch nicht beantwortet. Repräsentiert das Fernsehen die Wirklichkeit oder konstruiert es sie? Wer so fragt, hat schon stillschweigend vorausgesetzt, dass Ereignisse und Personen "in der Wirklichkeit" unabhängig von ihrer Darstellung in den Medien existieren. Eben diese unbefragte Voraussetzung aber schickt uns in die Irre. Wir sollten stattdessen fragen: Wie erzeugen Medien durch ihr spezifisches Operieren Medien- Tatsachen und Medien-Fiktionen? Wie gehen Mediennutzer unter ihren spezifischen Nutzungsbedingungen mit Medien-Tatsachen und Medien- Fiktionen um? Und wie vergleichen wir Medien-Tatsachen mit anderen Fakten, die wir für wirklich halten? Mit solchen Fragen wird der Vergleich zwischen Wirklichkeit und Medienwirklichkeit aufgelöst und übersetzt in die Frage nach den Voraussetzungen und Bedingungen der jeweils angefertigten Wirklichkeitsbeschreibungen.

Nicht nur für den Medienwissenschaftler, auch für die Medien selbst wird offenbar das alteuropäische Weltbild mit der sauberen Trennung von wirklich und fiktiv, wahr und falsch, real und virtuell, aber auch von gut und böse immer problematischer. Es wird immer schwieriger, Fakten und Fiktionen, Realität und Virtualität, Journalismus und Unterhaltung, Moralität und Amoralität voneinander zu unterscheiden - neue Formate wie Infotainment, Faction, Informercials oder Reality Soaps sprechen hier eine deutliche Sprache. Wenn uns aber "die Wirklichkeit", "die Wahrheit" und "das Gute" als objektive Sicherheiten abhanden kommen, dann erlebt die altehrwürdige Kategorie Verantwortung aus erkenntnistheoretischen, nicht aus moralischen Gründen, eine unerwartete Renaissance. Wenn wir Menschen durch unser Operieren das entstehen lassen, was wir als wirklich, wahr und gut behandeln, dann bleibt uns gar nichts anderes übrig, als die Verantwortung für unser Handeln und dessen Resultate zu übernehmen.

Verantwortungsdebatten sind schwierig. Aber sie müssen von den einzelnen Individuen wie von Organisationen geführt werden, um die Gründe für das Handeln, seine Rechtfertigung und seine Sozialverträglichkeit beobachtbar und bewertbar zu machen. Das gilt in ganz besonderer Weise für Medien wie das Fernsehen, die als Anbieter von öffentlichen und prinzipiell von jedem nutzbaren Orientierungs- und Kommunikationsangeboten auftreten. Solange das Fernsehen noch eine bedeutsame Definitionsmacht über wichtige Kategorien gesellschaftlicher Ordnung von Demokratie und Freiheit bis zu Macht und Gewalt, Besitz und Sozialverantwortung besitzt, muss jeder im Sender im Rahmen seiner Kompetenz bewusst und einklagbar Verantwortung für sein Handeln übernehmen. Die vielzitierte ökonomische Bestimmtheit der Medien muss moralisch bearbeitet werden, um die Unternehmenskultur der Mediensysteme praktisch werden zu lassen. Wer sich hier hinter Sachzwänge oder Quotenargumenten verschanzt, verabschiedet sich auf zynische Weise von Vernunft, Selbständigkeit und Selbstbewusstsein. Nicht "die Wirklichkeit" dirigiert das Programm, sondern die Wirklichkeit des Programms dirigiert den Umgang aller Beteiligten mit anderen Wirklichkeiten. Deshalb sollten wir die Sender nicht aus ihrer Pflicht zur Mündigkeit entlassen.

ots-Originaltext: ZDF

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