Prof. Dr. Simone Plöger von der Universität Osnabrück über Inklusion in Schulen
Wie können Lehrkräfte einer immer heterogeneren Schülerschaft gerecht werden? Welche Lösungsansätze gibt es, wenn Kinder oft schon das erste Schuljahr wiederholen müssen? Und warum gibt es trotz allem Grund für Optimismus? Darüber sprachen wir für unsere Interviewreihe „UOS fragt nach“ mit Prof. Dr. Simone Plöger von der Universität Osnabrück.
„Der Aufschrei der Eltern ist noch nicht groß genug“
Prof. Dr. Simone Plöger von der Universität Osnabrück über Inklusion in Schulen
Wie können Lehrkräfte einer immer heterogeneren Schülerschaft gerecht werden? Welche Lösungsansätze gibt es, wenn Kinder oft schon das erste Schuljahr wiederholen müssen? Und warum gibt es trotz allem Grund für Optimismus? Darüber sprachen wir für unsere Interviewreihe „UOS fragt nach“ mit Prof. Dr. Simone Plöger von der Universität Osnabrück.
Frau Prof. Plöger, Sie beschäftigen sich mit den Schwerpunkten Inklusion, Diversität und Schulpädagogik. In der öffentlichen Debatte dominieren derzeit negative Schlagzeilen. Wo sehen Sie derzeit die größten Probleme in der Schullandschaft?
Die größte Baustelle ist eindeutig die Ressourcenfrage. Lehrkräfte, Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen sowie Schulbegleitungen arbeiten häufig am Limit. Gleichzeitig sitzen in den Klassen Kinder mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen. Ohne ausreichendes Personal und ohne verbindliche Teamstrukturen lässt sich das kaum bewältigen. Seit dem Rechtsanspruch auf inklusive Bildung im Jahr 2009 hätte das System konsequent ausgebaut werden müssen. Stattdessen erleben wir vielerorts Kürzungen: Aktuell wird in vielen Bundesländern bei den Schulbegleitungen der Rotstift angesetzt. Dabei wäre genau hier ein entscheidender Hebel, um Inklusion erfolgreich umzusetzen.
Vielerorts werden Förderschulen geschlossen, auch wenn einige Eltern sagen, dass ihre Kinder mit besonderen Bedürfnissen in Regelschulen untergehen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Die entscheidende Frage lautet: Was wollen wir als Gesellschaft? Wollen wir Regelschulen so ausstatten, dass Inklusion an Regelschulen funktionieren kann? Dann ist da sehr viel Luft nach oben – und würde in letzter Konsequenz dazu führen, dass wir Förderschulen abschaffen und die ganze Expertise von dort in Regelschulen übertragen. Der Weg, den wir gerade beschreiten – nämlich mit Förderschulen auf der einen Seite und Inklusionsanspruch auf der anderen – ist aus meiner Sicht eine Sackgasse. Die Verantwortung wird auf die Eltern verlagert. Sie müssen entscheiden, ob ihr Kind am Regelsystem teilhaben soll, dort aber möglicherweise in einer großen Klasse sitzt und eine unzureichende Unterstützung erhält, oder ob es eine Förderschule besuchen soll, also ein separiertes System. Dort würde es zwar eine spezifische Förderung erhalten, aber mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 75 Prozent keinen regulären Schulabschluss erhalten.
Wir sprechen hier allgemein von Förderschulen, dabei gibt es ja ganz unterschiedliche Förderschwerpunkte und damit auch ganz unterschiedliche Herausforderungen beim Thema Inklusion.
Ja, tatsächlich ist der Förderschwerpunkt Lernen der Schwerpunkt, der noch am ehesten inklusiv beschult wird; hier geht es nicht nur um Kinder mit Behinderungen im sozialrechtlichen Sinne. Bei dem Schwerpunkt Lernen, aber auch emotional-soziale Entwicklung und Sprache kommen oft noch andere Diskriminierungslinien hinzu, die zusammenwirken. Bei diesen Förderschwerpunkten finden sich überdurchschnittlich viele Kinder, die in Armut aufwachsen. Hinzu kommen viele Kinder und Jugendliche, die nach Deutschland migriert sind oder mehrsprachlich aufwachsen. Die haben per se keine Sprachentwicklungsstörung, aber landen aufgrund von Diskriminierung im Schulsystem in diesen Förderschwerpunkten. Hier überlagern sich unterschiedliche Formen von Benachteiligung.
Sie sprechen das Thema Sprachkompetenz an: Immer wieder erscheinen Berichte über Grundschulen, in denen ein Großteil der Schülerinnen und Schüler bereits in der ersten Klasse aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse sitzen bleiben. Welche Lösungsansätze halten Sie hier für sinnvoll?
Der wichtigste Ansatzpunkt liegt aus meiner Sicht deutlich vor der Einschulung. Deutschland beginnt mit der Schulpflicht vergleichsweise spät. Andere Länder setzen bereits deutlich früher auf verpflichtende Bildungsangebote.
Deshalb sollten wir die frühkindliche Bildung erheblich stärken. Es wird immer noch nicht erkannt, was für ein wichtiger Hebel frühkindliche Bildung ist. Kitas müssten personell und finanziell so ausgestattet werden, dass sie ihren Bildungsauftrag tatsächlich erfüllen können. Modelle wie Vorschul- oder Willkommensklassen erscheinen auf den ersten Blick sinnvoll, schaffen aber erneut getrennte Systeme. Kinder machen dann bereits zu Beginn ihrer Bildungsbiografie die Erfahrung, nicht dazuzugehören. Dieses Risiko von Ausgrenzung sollten wir ernst nehmen.
Lehrkräfte stehen heute vor enormen Herausforderungen: unterschiedliche Leistungsstände, Mehrsprachigkeit, Kinder mit Beeinträchtigungen oder Neurodivergenz. Viele Eltern befürchten, dass das allgemeine Leistungsniveau aufgrund dieser vielen Anforderungen sinkt.
Zunächst einmal müssen wir anerkennen, dass die Leistungsprobleme real sind. Wir sehen den Kompetenzabfall, der lässt sich nicht schönreden. Es ist dramatisch, dass so viele Kinder die Grundschule verlassen, ohne richtig lesen und schreiben zu können – da muss der Aufschrei von Eltern und Erziehungsberechtigten groß sein. Aber manchmal habe ich mit Blick auf die gesamte Gesellschaft das Gefühl, er ist nicht groß genug, weil er nur bei Lehrkräften und Schulen, nicht aber bei der Bildungspolitik ankommt. Eltern schulpflichtiger Kinder sind mittlerweile eine Minderheit. Beim Pisa-Schock 2000 waren die Baby-Boomer Eltern. Das war gesellschaftlich die größte Gruppe und der Aufschrei war riesig. Es war zudem die erste PISA-Studie; mittlerweile hat sicher auch ein Gewöhnungseffekt eingesetzt.
Tatsächlich ist die Empörung ja berechtigt: Unser Bildungssystem schafft es aktuell nicht, alle Kinder und Jugendlichen mit den Basiskompetenzen auszustatten. Die Schlussfolgerung, Lehrkräfte seien dafür verantwortlich, ist jedoch falsch. Viele Lehrkräfte leisten unter schwierigen Bedingungen Außerordentliches. Entscheidend ist, Schulen personell besser auszustatten.
Hinzu kommt, dass eine heterogene Schülerschaft keineswegs automatisch zu schlechteren Leistungen führt. Viele Studien belegen das Gegenteil: Häufig profitieren alle Kinder davon, wenn zusätzliche Fachkräfte – etwa Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen – im Unterricht eingesetzt werden. Der eigentliche Schlüssel liegt also nicht in weniger Vielfalt, sondern in besseren Rahmenbedingungen.
Jetzt haben wir darüber gesprochen, was alles gerade schlecht läuft an Schulen und wie enorm die Herausforderungen sind. Mit Blick in die Zukunft: Was macht Ihnen Hoffnung?
Optimistisch stimmen mich vor allem die angehenden Lehrkräfte. Viele Studierende sind heute deutlich sensibler für Fragen von Diversität und Diskriminierung als frühere Generationen. Sie wissen, dass sie selbst einen Unterschied für Kinder machen können, auch wenn sie später auf strukturelle Grenzen stoßen.
Außerdem erlebe ich viele Schulen – auch hier in Osnabrück –, die neue Wege gehen. Sie hinterfragen traditionelle Unterrichtsformen, entwickeln innovative Konzepte und probieren neue Ansätze aus. Das stimmt mich hoffnungsvoll. Veränderung braucht Zeit, aber sie findet bereits statt.
Zur Person: Prof. Dr. Simone Plöger ist seit April 2026 Professorin für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Diversität & Teilhabe an der Uni Osnabrück. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Mehrsprachigkeit, Diversität, Diskriminierung und Ungleichheit im Kontext schulischer Bildung sowie in der Gestaltung einer inklusionsorientierten und diskriminierungskritischen Lehrkräftebildung.
Zur Reihe: In der Interviewreihe „UOS fragt nach“ berichten Expertinnen und Experten der Uni Osnabrück im Gespräch mit der Pressestelle über ihre Forschung und beziehen Stellung zu aktuellen und alltäglichen Themen. Von Politik bis Pädagogik, von Kunst bis KI – UOS fragt nach.
Weitere Informationen für die Medien:
Prof. Dr. Simone Plöger, Universität Osnabrück
Institut für Erziehungswissenshaft
Simone.ploeger@uni-osnabrueck.de
Cornelia Achenbach, Universität Osnabrück Kommunikation und Marketing / Redakteurin Neuer Graben 29/Schloss, 49074 Osnabrück
E-Mail: cornelia.achenbach@uni-osnabrueck.de
Weiteres Material zum Download Dokument: 06_UOS_fragt_nach_Pl~gust_Juni 2026.docx