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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zur Türkei

Bielefeld (ots) - Türkische Panzer haben gestern erstmals eine Bodenoffensive in Syrien gestartet. Sie sind in Absprache mit Kämpfern der freien syrischen Armee westlich des Euphrat bei Dscharabulus vorgerückt, um den Islamischen Staat von der Grenze zu vertreiben und zugleich der Kurdenmiliz YPG Einhalt zu gebieten.

Ist mit der Türkei jetzt eine weitere Kriegspartei auf dem syrischen Schlachtfeld aufmarschiert? Gerät der gordische Knoten noch verworrener und eine Lösung in größere Ferne denn je?

Die nächsten Tage werden zeigen, ob es bei einer Strafaktion bleibt. Auch früher ist die türkische Armee befristet etwa in den Irak eingerückt, um Kurden zu bekriegen. Die jüngste Entwicklung legt den Verdacht nahe, der IS sei nur der Vorwand, das eigentliche Ziel aber die Verhinderung eines breiten Streifens unter Kontrolle kurdischer Kämpfer. Das wird sogar von den USA indirekt bestätigt. Washington werde keinen Kurdenstaat an der türkischen Grenze akzeptieren, sagte US-Vizepräsident Joe Biden, der Ankara nach der brutalen Reaktion auf den Putsch die heiß ersehnte Aufwartung machte.

Die militärische Offensive an der Grenze und die diplomatische Wiederannäherung in Ankara signalisieren, dass Washington seine Unterstützung für die syrisch-kurdischen Volksschutzeinheiten zur Disposition stellen könnte. Biden hat den Gastgebern zuliebe gestern schon mal damit gedroht. Und in der Tat hat die US-Unterstützung der Feinde Ankaras nicht verhindert, dass der IS drei Jahre lang Kämpfer und Material via Türkei schmuggeln konnte.

Deshalb galt der Panzerangriff zu allererst dem Ziel, den letzten Grenzübergang bei Dscharabulus, der vom IS kontrolliert wurde, dicht zu machen. Wer die Stadt kontrolliert, kann ganz nebenbei den IS-Tourismus zwischen den Kampfgebieten und westlichen Islamisten-Ghettos schwächen. Das bringt Punkte in Brüssel, Paris und Berlin. Der türkische Waffengang über die Grenze stärkt Staatschef Recep Tayyip Erdogan. »Niemand kann die Probleme in Syrien losgelöst von den innertürkischen Angelegenheiten betrachten«, sagte er gestern. Der Präsident hat den verblieben, ihm treu ergebenen Militärs eine neue Aufgabe gestellt. Sie dürfen sich als Rächer für den feigen IS-Angriff auf eine Hochzeitsgesellschaft im nahen Gaziantep in Szene setzen.

Zugleich wird die Türkei für die USA im Syrienkonflikt noch wichtiger, was letztlich der verlangten Auslieferung des Islampredigers Fethullah Gülen dienlich sein dürfte. Zumindest erhöhen sich so etwas die Preise beim Feilschen. Erdogan will seinen Erzfeind unbedingt vor einem türkischen Gericht sehen, um die eigene Rolle als Unschuldslamm im und nach dem Putsch endgültig vor der Welt zu beweisen.

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