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Westfalen-Blatt: zur Schuldenkrise

Bielefeld (ots) - Helfen wollen Griechenland alle. Und schuld sein will am Ende auch keiner. So verstreicht Frist um Frist, folgt der letzten Chance noch die allerletzte. Zunehmend verzweifelt sucht Europa nach dem Notausgang - dem Exit vor dem Grexit. Doch so oder so bleibt die griechische Tragödie ein Drama in der Dauerschleife. Zugleich wachsen die Ungeduld und der Druck stetig. In den Verhandlungskreisen wie unter den Bürgern Europas. Und erst recht in Griechenland, wo die Folgen der Krise für die Menschen mit jedem Tag spürbarer werden. Das Hickhack um Athens Verbleib im Euroraum ist für alle zermürbend. Eine glaubhafte Lösung jedoch kann es nicht geben, solange zwei zentrale Fragen ungeklärt sind. Sie lauten: Will sich Griechenland überhaupt helfen lassen? Und, nicht minder wichtig: Reicht das Vertrauen der Gläubiger noch aus? Fangen wir mit Letzterem an, so hat das Wochenende gezeigt, wie zerrüttet das Verhältnis ist zwischen denen, die dringend Hilfe brauchen, und denen, die helfen sollen. Tiefes Misstrauen und die Angst vor erneut falschen Versprechungen machen die Vertreter der Eurozone noch vorsichtiger, als sie es mit Blick auf ein drittes Hilfspaket über 74 Milliarden Euro (oder noch viel mehr) ohnehin sein müssten. Und dann ist da noch die unglaubliche Wendigkeit des Alexis Tsipras. Denn wie der griechische Premier im eigenen Land entschlossen und zügig etwas durchsetzen will, was sein Volk erst vor einer Woche und ausdrücklich auf seinen Ratschlag hin mit klarer Mehrheit abgelehnt hat, muss in diesen Tagen ein Rätsel bleiben. Dass ein Teil der eigenen Parlamentarier Tsipras aber bereits in der Abstimmung Samstag früh die Gefolgschaft verweigerte, ist kein gutes Zeichen für echten Reformwillen. Apropos Reformen: kein Kataster, kein funktionierendes Finanzwesen. Nichts. Ein echter Rettungsplan liefe also auf nichts anderes als auf den kompletten Neuaufbau des griechischen Staatswesens hinaus. Das aber ist keine Aufgabe von drei Jahren, sondern eine von drei Jahrzehnten. Hier fragt sich: Wer wäre legitimiert, einen solchen Umbau anzugehen? Die drei Institutionen sind es streng genommen nicht - mag Athen auch noch so viel Unvermögen und Unwillen aufbringen. Denn noch ist Griechenland ein souveränes Land, so dass mancher Vergleich mit dem Deutschland der Nachkriegszeit und dem Marshallplan doch gewaltig hinkt. Nein, Griechenland hat keinen Krieg verloren - auch wenn die abscheuliche Rhetorik von Leuten wie Ex-Finanzminister Varoufakis mitunter anderes vermuten ließ. Athen steht auch nicht unter dem Protektorat der Eurozone. Im Gegenteil: Unter Tsipras hat das Land einen neuen Weg eingeschlagen. Selbstbewusst und selbstbestimmt. Und genau das ist auch der Grund dafür, dass inzwischen immer weniger Europäer an eine ehrliche Umkehr Athens glauben mögen.

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