Westfalen-Blatt

Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Weihnachten

Bielefeld (ots) - Der Gottesdienst für die ersten und zweiten Klassen dauerte schon eine Dreiviertelstunde. Es war nun doch ein bisschen unruhig geworden in der Kirche, so langsam ging den Kindern die Luft aus. Schließlich war es der letzte Schultag, und alle freuten sich auf die Weihnachtsferien. Die Pfarrerin aber ließ nicht locker. Und tatsächlich: Mit Geduld und Geschick brachte sie die gut 170 Schüler dazu, ihr zuzuhören. Man spürte, dass sie noch etwas zu sagen hatte. Ihr ging es um die Geschichte des Schusters Martin, die gerade vorgetragen worden war. Der Schuster, der von seiner kleinen Werkstatt aus, die ihm zugleich Wohnung ist, das hektische vorweihnachtliche Treiben auf der Straße verfolgt. Der Schuster, der darauf hofft, dass an diesem Tag Jesus zu ihm kommt - denn so war es ihm zuvor im Traum geheißen worden. Für Martin ist es so etwas wie der Heilige Abend. Er wartet. Da ist der alte Straßenfeger Stephan, den er in der Frühe in seine Stube holt und ihm Tee spendiert. Da ist am Mittag die junge Mutter mit ihrem Neugeborenen, die er versorgt. Und da ist später noch die wütende Marktfrau, die er besänftigt, nachdem ein kleiner Junge ihr einen Apfel gestohlen hat. Als es dunkel wird, hat Martin den Glauben, Jesus zu begegnen, längst verloren. So nimmt er wie jeden Abend die Bibel zur Hand und liest im Matthäus-Evangelium: »Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.« »Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan«, wiederholte die Pfarrerin jetzt und fragte, was das wohl heißen möge. Längst war es wieder still in der Kirche geworden. Und mitten hinein in diese Stille fällt der eine Satz: »Dein Nächster ist Jesus.« Die Kinder schauten sich verwundert an. Unruhe machte sich breit, das Gemurmel wurde lauter. Auch die Erwachsenen in den hinteren Bänken blickten etwas ratlos drein. »Was, das soll Jesus sein?«, stand in ihren Gesichtern geschrieben. »Der, mit dem ich in jeder Pause auf dem Schulhof Fußball bolze, ist Jesus?» »Die, die mir immer meine beste Freundin streitig macht, ist Jesus?« Es war und ist, es bleibt dieser Moment des Staunens, der Weihnachten ausmacht. Es ist diese Frohe Botschaft, deren Inhalt noch so bekannt sein mag und deren Größe doch unfassbar scheint: »Gott ist Mensch geworden und hat unter uns gewohnt.« Nun lasst auch uns Menschen werden, ein Mensch wie Schuster Martin. Orte der Menschwerdung gibt es viele, Gelegenheiten reichlich. In den kleinen Dingen des Alltags wie in den ganz großen Fragen des Lebens. In der Sorge um die Familie, die Freunde, Nachbarn und Kollegen wie in der Hilfsbereitschaft und Güte gegenüber den zig Millionen Menschen auf dieser Welt, denen es so viel schlechter geht als uns. Mensch bleiben und im Nächsten Jesus sehen - das ist eine wahrhaft große Aufgabe, die uns immer wieder herausfordert. Nehmen wir sie an, verfehlt das Fest der Feste seine Wirkung nicht. Denken Sie daran - wo und wie immer Sie die Geburt Christi auch feiern. Frohe Weihnachten!

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